"Mich reizt, was ich nicht kenne"

"Mich reizt, was ich nicht kenne"

Der Dirigent Ingo Metzmacher will seinen Hörern die Angst vor neuen Tönen nehmen - Am Sonntag leitet er das Abschlusskonzert des Bonner Beethoven-Festivals

Bonn. Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und der Pianistin Hélène Grimaud gestaltet der Dirigent Ingo Metzmacher das ausverkaufte Abschlusskonzert des diesjährigen Beethovenfestes am Sonntag.

Er dirigiert Werke von Beethoven, Brahms und Hartmann. Mit Ingo Metzmacher sprach Felix Mauser.

General-Anzeiger: Herr Metzmacher, der Titel Ihres Buches "Keine Angst vor neuen Tönen" assoziiert zunächst die Schwellenangst vor zeitgenössischen Kompositionen. Man kann ihn aber auch als Annäherung jedes einzelnen Zuhörers an ungewöhnte Klänge verstehen.

Ingo Metzmacher: Mit neuen Tönen meine ich erst einmal Töne, die man noch nicht gehört hat. Neu ist für jeden anders. In erster Linie war es meine Absicht mich an neugierige Menschen zu wenden. In meinem Leben habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sehr interessant sein kann sich auf Neues einzulassen.

GA: Sie schreiben humorvoll, dass Ihr Vater Sie animiert hat, ohne Scheu vom Blatt zu spielen. Erlernt man die musikalischen Gesetze dadurch, dass man zunächst keine Rücksicht auf sie nimmt?

Metzmacher: Mein Vater hat mir beigebracht, Partituren zu lesen. Das hat mir sehr geholfen, jede Art von Musik schneller zu begreifen. Eines der Probleme, die wir heute haben, ist der mangelnde Mut zum spontanen Musizieren. Wir sind von technisch perfekten Aufnahmen umgeben. Eigentlich muss man einfach losspielen und sehen, wie weit man kommt.

GA: Ist das enorme Repertoire von Einspielungen wirklich ein Grund für die rückläufige musikalische Praxis?

Metzmacher: Ja, das vermute ich stark. Es gab Zeiten, in denen viel mehr Musik gemacht wurde als heute, vor allem außerhalb des professionellen Musikbetriebes. Mein Vater hat sich als Profimusiker auch nach getaner Arbeit abends Freunde eingeladen und mit ihnen gespielt. Das werden Sie heute kaum noch finden.

GA: Durch Komponisten wie Messiaen haben Sie die Verarbeitung von Naturgeräuschen wie Vogelstimmen zu Musik kennen gelernt. Ist Neue Musik mit dem Hinweis auf die Quelle der Inspiration des Komponisten besser zu vermitteln?

Metzmacher: Es geht darum, das Ohr zu öffnen. Vogelgesang gehört zu den schönsten natürlichen Gegebenheiten, die existieren. Messiaen hat dies bewusst betrieben und sagt, dass die Vögel schon alles erfunden haben, was Musik betrifft. Auch in Beethovens Pastorale kommen Vögel vor. Die Frage ist letztendlich worauf man hört.

GA: Im Mittelpunkt Ihrer Hamburger Jahre stand die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Konwitschny. Wie würden Sie rückblickend diese Beziehung charakterisieren?

Metzmacher: Die Idealbeziehung begründet sich darauf, dass wir Musik auf eine sehr ähnliche Art hören, schätzen, lieben. Das wiederum hat damit zu tun, dass unsere Väter gemeinsam studiert und gearbeitet haben. Dazu kommt der gegenseitige Respekt für unsere Tätigkeiten Regie und Dirigat. Es geht um Anregung statt Trennung, ein großer Glücksfall.

GA: Beim Lesen des Buches ist die häufige Erwähnung von "Ersten Malen" auffällig. Ihr erstes Mahler-Dirigat, Ihre erste Begegnung mit einem lebenden Komponisten usw. Liegt für Sie wie für Hermann Hesse ein Zauber in jedem Anfang?

Metzmacher: Damit sind wir wieder bei der Neugier: alles was ich nicht kenne, stellt für mich einen Reiz dar. Je mehr man Ungekanntes ausprobiert, desto öfter kann man Spannendes erfahren.

Zur Person

Ingo Metzmachers Arbeit mit den wichtigsten Orchestern weltweit wie den Wiener Philharmonikern, dem Königlichen Concertgebouw Orchester, dem London Philharmonic oder dem Boston Symphony bestätigen seine Position als einer der international anerkanntesten Dirigenten unserer Zeit.

Seine Tätigkeit als Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg war ebenso innovativ wie erfolgreich. Heute ist er Chief Conductor an der Nederlandse Opera in Amsterdam.