Das Jazzfest in Bonn: Mehr Spannung geht kaum

Das Jazzfest in Bonn : Mehr Spannung geht kaum

Das Jazzfest präsentiert vom 22. April bis zum 7. Mai elf Doppelkonzerte mit internationalen Künstlern. Und der Ansturm auf die Karten ist groß.

Streng genommen ist das Jazzfest Bonn 2016 schon gelaufen. Zumindest für den Impresario und Saxofonisten Peter Materna. Der ist mit dem Kopf schon bei der Planung für 2017. Aber mit dem Herzen? Große Freude, dass hinter vielen der elf Konzertabenden vom 22. April und 7. Mai ein „ausverkauft“ steht und ihm das erstmals erschienene Festival-Magazin aus den Händen gerissen wird. Auch das siebte Bonner Jazzfest ist ein Renner, mehr Konzerte als 2015, neue Spielorte, längere Dauer – und die Karten gehen weg wie nichts. Und das, obwohl das Jazzangebot in der Stadt übers Jahr hinweg deutlich gewachsen ist. Konkurrenz belebt das Geschäft. Und Materna scheint mit seinem Konzept, jeweils zwei Beiträge an einem Abend zu präsentieren und auch spröde Positionen jenseits des Mainstreams in die Diskussion zu bringen, bei seinem Publikum ins Schwarze zu treffen.

So cool Materna davon spricht, wie es ist, in die Planungen für 2017 einzusteigen, so deutlich spürt man aber auch, wie fünf Wochen vor dem Start des Jazzfests die Betriebstemperatur steigt. „Auf das Festival selber freue ich mich, weil dann die Musiker kommen“, sagt Materna, der sich auch auf die Begegnung mit dem Publikum freut. „Da habe ich darauf hingearbeitet, zum Teil kenne ich die Musiker persönlich, manche aber gar nicht.“ Was ihn reizt ist, dass das, was auf der Bühne dann passiert unberechenbar ist, „das ist unglaublich spannend“.

„Ein großes Fragezeichen ist für mich Matt Herskowitz“, sagt Materna über den Pianisten, Songwriter und Arrangeur, der in Montreal lebt. „Wie hat er diese Gratwanderung zwischen Klassik und Jazz für sich gelöst, wie kommt das live rüber?“, fragt sich Materna, „Wie reagiert das Publikum?“ Herskowitz spielt etwa mit seinem Trio auf dem Album „Jerusalem Trilogy“ eine Mischung aus Jazz und Klassik, arabischer und jüdischer Musik, eine Art globale Kammermusik. Herskowitz wird im Landesmuseum auf den Bonner Markus Schinkel und dessen Trio treffen, das als Gast den Saxofonisten Ernie Watts präsentiert.

Ganz oben auf Maternas Liste steht die von dem in Bogotá lebenden Kolumbianer Daniel Restrepo gegründete Formation fatsO, die rauen Blues, schrägen Jazz und gefühligen Soul mit lateinamerikanischen Rhythmen koppelt. „Das ist Party und trotzdem anspruchsvoll“, sagt er.

Für den Festival-Macher sind die drei Fest-Wochen auch eine Wiedersehensparty: „Mein absoluter Hero ist der Saxofonist Dave Liebman“, sagt er, „Dave hat mich mehr oder weniger dazu gebracht, Sopransaxofon zu spielen, er ist eine Überfigur wie Steve Lacy oder Wayne Shorter“. Liebman hat viele Musiker beeinflusst, nach Bonn kommt er mit dem Pianisten Richie Beirach – seit 50 Jahren sind die beiden ein Team.

Auch „alte Kumpels“ sind beim Jazzfest dabei. Materna freut sich etwa auf Roger Cicero, der mit seiner Jazz Experience neben dem Bundesjazzorchester (BuJazzO) unter dem großartigen Niels Klein den Jazzfest-Auftakt im Telekom Forum bestreitet. Materna und Cicero kennen sich seit vielen Jahren, haben als junge Musiker gemeinsam im BuJazzO gespielt, sich dann etwas aus den Augen verloren. „Aber wir wissen, dass es uns gibt“, sagt Materna.

Nils Peter Molvær, den Materna erst beim Jazzfest 2014 kennen- und schätzen lernte, übernimmt in diesem Jahr das Finale im Forum der Bundeskunsthalle. Er teilt sich den Abend mit dem Trio des Pianisten Vijay Iyer. „Und dann ist noch Michael Wollny, auch so etwas wie ein Kumpel.“ Der 36-jährige Pianist hat schon häufig beim Jazzfest gespielt. Bei kaum einem anderen Künstler kann man eine derart fulminante Entwicklung ablesen – vom Newcomer zum Star. Mehrfach haben Wollny und seine verschiedenen Musikprojekte den Echo Jazz und weitere Preise abgeräumt, die außergewöhnlichen CDs „Weltentraum“ und „Nachtfahrten“ wurden ebenfalls ausgezeichnet. „Als Michael Wollny das erste Mal bei uns gespielt hat, kannte ihn kaum jemand, jetzt füllt er 3000er-Säle“, sagt Materna.

Beim Jazzfest 2016 wird Wollnys mal elegisch-verträumtes, mal rhythmisch zupackendes Pianospiel – mit Christian Weber am Bass und Eric Schaefer am Schlagzeug – in der Uni-Aula auf die dampfende, krachende, raue Blues- und Soulmaschine von fatsO treffen. Mehr Kontrast, mehr Spannung geht nicht.

Peter Materna, der dieses Prinzip der Doppelkonzerte kultiviert, spricht weniger von Spannungen als von „Dialogthemen“. „Ich habe das Gefühl, es ist ähnlich – aber nie gleich –, oder es ist konträr“, sagt er und spricht über den Abend mit Soul-Lady Bettye LaVette aus Michigan und der dänischen Band Girls in Airports. Richtig konträr seien die beiden Beiträge in der Uni-Aula nicht, beide „gehören in die populäre Ecke, haben etwas Unterhaltsames, dabei sehr Künstlerisches“.

Beide haben mit Jazz zu tun, „aber jedes Ding ist ein bisschen schräg, Bettye LaVette ist Motown, und Girls in Aiports ist spacey, groovy, elektronisch – kein purer Jazz“. Das mache das Festival aus: der Spagat zwischen klassischen Jazz-Positionen wie Dave Liebman und Jacob Karlzon auf der einen Seite und einem Projekt wie Girls in Airports auf der anderen Seite.

Eine andere Paarung – das Ensemble Migration des mexikanischen Schlagzeugers Antonio Sanchez und die Berlinerin Lisa Bassenge – verspricht Hochspannung im Haus der Geschichte: Beide Male geht es um den Blick auf Amerika aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Eine interessante Mischung dürfte auch das Konzert im Volksbank-Haus abgeben: Die frechen, witzigen, manchmal auch melancholischen Lieder der in Köln lebenden Sängerin Julia Zipprick begegnen dem zwischen Jazz, Klassik und Folklore oszillierenden Spiel des Duos Jean-Louis Matinier (Akkordeon) und Michael Riessler (Klarinette). „Julia habe ich schon länger auf der Liste, ich war dann in einem Konzert mit ihren deutschen Liedern und dachte mir, das ist ja Chanson, geht das?“, sagt Materna, „aber dann war so viel Jazz drin, das war so gut“. Matinier und Riessler „sind kompromisslos, hardcore“, Zipprick dagegen sehr frei. Das gefällt ihm.

Macht das Publikum das mit? „Meine Erfahrung beim Jazzfest ist, dass wenn ich diese Kontrastprogramme bringe, ein Mehrwert entsteht: Die Besucher lernen etwas kennen, was sie sonst nie kennengelernt hätten“, sagt er, „das ist wie in einer Kunstausstellung, wie in der Foto-Ausstellung im Kunstmuseum: Da siehst du Sachen, die du dir einzeln vielleicht nicht ansehen würdest, die aber zusammen funktionieren“.

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