Kulturschock: Mathematik und Musik

Kulturschock : Mathematik und Musik

Konrad Lang: Unternehmer, Komponist und Kopf der Schauspielfreunde.

Als Mathematiker ist Konrad Lang ein Mann der Zahlen. Er muss nicht lange überlegen, bis er ausgerechnet hat, wie viele Bücher er in seinem Haus in Oberwinter beherbergt. Es sind rund 6000.

Sie konkurrieren, was das Interesse des Besuchers angeht, unter anderem mit einem Flügel und Noten, einer Beethovenbüste, einem kiloschweren Lindt-Schoko-Hasen aus der Schweiz und Bild und Büste von Langs Vater Konrad (1898-1985), eines Biochemikers und Mediziners. Konrad Lang der Jüngere ist seit 2016 Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde des Schauspiels Bonn.

Kultur, Musik insbesondere, sagt er, sei die "Leidenschaft meiner Jugend" gewesen. Mit elf haben ihn seine Eltern zur "Matthäuspassion" mitgenommen. Das beeindruckte ihn so sehr, dass er Komponist werden wollte. Bis er, ein reifer Elfjähriger, erkannte: "Das hat keinen Sinn, Bach hat schon alles geschrieben."

Flexible Automation

Das mit dem Komponieren hat Lang, der als Mathematiker geforscht und gelehrt hat, sich in der Industrie mit flexibler Automation und später als Unternehmer in der Schweiz mit Finanzanalytik und mehrdimensionalen Datenbanken beschäftigt hat, später - "mit abnehmender Selbstkritik" - ernsthaft aufgenommen.

Er lernte bei Tilo Medek (1940-2006) und debütierte 2003 beim Beethovenfest in Bonn mit der von Alberto Nose (Klavier) gestalteten Uraufführung von "Sorry, Louis", einer ironischen Beethoven-Paraphrase.

Wie darf man sich den Zugang zur Kunst vorstellen: als revolutionären oder evolutionären Prozess? "Die großen Sachen in der Kunst kommen immer schockartig", führt der in Mathematik und Philosophie promovierte Lang aus. Bei ihm addierten sich die beglückenden Erlebnisse.

Gustaf Gründgens als Prospero in Hamburg: "magisch". "Wie es euch gefällt", 1962 im Schiller-Theater in Berlin (Regie Fritz Kortner, Curt Bois als Malvolio): "Ich kam aus dem Klatschen nicht raus."

Mit 17 dann der erste Zyklus mit den Streichquartetten von Beethoven. Lang erinnert sich: "Ich glaubte, zum ersten Mal begriffen zu haben, wie Komponieren funktioniert." Kein Wunder, dass er feststellt: "Beethoven ist einer meiner Fixsterne." Ähnlich wirkungsvoll waren die ersten Erfahrungen mit Bayreuth und dem "Tristan".

Kommen wir zur Philosophie. Auch in diesem Fach trägt Lang einen Doktorhut. Bei Carl Friedrich von Weizsäcker in Hamburg durfte Lang (damals im dritten Semester)an einem Oberseminar teilnehmen, weil er in der Lage war, Platons "Philebos" aus dem Griechischen ins Deutsche zu übertragen. Im Seminar drückte er dem Physiker Werner Heisenberg die Hand und entwickelte eine Theaterszene: den Dialog des Platon-Übersetzers Friedrich Schleiermacher und einer Berliner Zimmerwirtin.

Platon, Kant, Kierkegaard und Marx sind Langs philosophische Götter. Die hätte er zeitlebens studieren und deuten können. Das genügte ihm nicht. Den Göttern nachzueifern erschien ihm unrealistisch. "Die Art von Kreativität, die man braucht, um eine neue Erkenntnistheorie zu formulieren, die entdecke ich bei genauester Selbstbeobachtung nicht", erklärt Lang die universitäre Abwendung von der Philosophie und die Hinwendung zur Mathematik.

Die neue Welt gefiel dem philosophischen Kopf: Mathematiker betrachtete er wie "spielende Kinder, die die Welt neu erschaffen in Begriffen. Mit diesen Begriffen kann man spielen und neue Erkenntnisse gewinnen. Das war einfach unglaublich". Er entdeckte auf diese Weise eine neue Art der Kreativität. Die brachte ihn später dazu, in Aachen an der Simulation einer Werkzeugmaschine zu arbeiten und flexible Automations-Systeme zu verkaufen.

Später hat er dann eine "Softwarebude" (Lang-Understatement) in Basel gegründet und Höhen und Tiefen des Unternehmertums kennengelernt. Bei alldem hat Lang nach eigener Einschätzung die "Gabe der Rede" genutzt. Die hat er sich erhalten. Wer mit Konrad Lang kommuniziert, wird erbaut, belehrt und unterhalten.

Kulturtipps hält er auch bereit: "Warten auf Godot", "Die Zofen" und "Eines langen Tages Reise in die Nacht" im Bonner Theater. Ferner empfiehlt er den Roman "Miakro" von Georg Klein, dessen Präzision und Eleganz der Sprache sowie deren Verknüpfung mit einer fantastischen Welt er hervorhebt. Emotionale Wucht und kühle Konstruktion faszinieren Lang in der Kunst. Auch bei Bach und Beethoven ("Große Fuge") findet er diese "Heiß-Kalt-Technik".

Als Unternehmer kennt Konrad Lang den Wert und den Preis von Dingen. Übertragen aufs Theater: Sind die Bonner Bühnen das Geld der Bürger wert, das ihnen regelmäßig zufließt? Lang antwortet nicht nur als Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde des Schauspiels, die - bundesweit einzigartig - den Kantinenbetrieb im Schauspiel organisiert, mit einem donnernden Ja.

In einer von rasantem Wandel geprägten Welt gebe es kaum etwas Wichtigeres: "Das Theater ist die große Experimentierbühne der Humanität." Und: "Ich bin fest davon überzeugt, dass das Theater ein absolut essenzieller Bestandteil des städtischen Kulturlebens ist."

Unglückliche Kulturpolitik

Die Leistungen von Schauspieldirektor Jens Groß lobt Lang: "Ich finde toll, was er macht." Groß versuche, das Band zwischen Theater und Bevölkerung so eng wie möglich zu knüpfen. Mit Erfolg. Lang treiben aber Sorgen angesichts der "unglücklichen Art und Weise der Kulturpolitik in Bonn nach dem WCCB-Debakel" um.

Das Beethoven-Jubeljahr 2020, ein erfolgreicher Generalintendant und ein erfolgreicher Schauspielchef bedeuteten erst einmal Ruhe für die Bühnen. Doch Lang nimmt die weitere Zukunft in den Blick: "Ich habe wahnsinnige Angst davor, wie es im Jahr 2023 weitergeht. Da ist mit erheblichen Turbulenzen zu rechnen."

Sollte der "ganz schwere Hammer" ausgepackt werden, stünden die Schauspielfreunde bereit - mit der ausgewiesenen "Mobilisierungskraft" ihres eingetragenen Vereins.

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