Martin Walser liest in den Bonner Kammerspielen

Martin Walser liest in den Bonner Kammerspielen

"Muttersohn" heißt der Roman von Martin Walser, aus dem er seinen Zuhörern in den Kammerspielen vorliest.

Anton Schlugen, genannt Percy, weigert sich, etwas vorzutragen, was er zuvor aufgeschrieben hat. So weit geht sein Schöpfer nicht, auch wenn dieser gewisse Züge seines hellsten Helden für sich selbst beanspruchen mag: Martin Walser stellt sich auf der Bühne der Kammerspiele ans Lese-, nicht ans Rednerpult, und fast eine Stunde lang liest er zahlreichen Zuhörern aus seinem Roman "Muttersohn" vor, vor allem jene Passagen, in denen sich alles um Percy dreht.

Ohne die Mitwirkung eines Mannes ist dieser Muttersohn empfangen worden, er arbeitet als Pfleger in einer psychiatrischen Anstalt in Oberschwaben und heilt Patienten mit mystischen Versen von Seuse und Swedenborg. Furcht und Ungeduld sind ihm fremd, Asymmetrie schmerzt ihn, Wohlgefühl geht ihm immer in die Beine: "Jede seiner Bewegungen ist eine Energiekundgebung." Wenn er zu den Menschen spricht, spricht es aus ihm, spontan, ohne Manuskript oder Notizen.

Ein Gläubiger und Liebender ist Percy, ein Auserwählter, der bei aller Spiritualität ganz in der Gegenwart lebt. Percy habe ihn beim Schreiben mitgenommen, sagt Walser anschließend im Gespräch mit dem Autor und Kulturhistoriker Manfred Osten, er sei nicht verantwortlich für ihn. Und dann geht es um die großen Themen des Romans, die Utopie der Spontaneität etwa, die Magie des gesprochenen Wortes und den Glauben als Gegenentwurf für eine durchrationalisierte, prosaische Gegenwart, die jeden Zauber schreckhaft zurückweist.

Auf die Rolle des gläubigen Anti-Aufklärers will sich Walser freilich nicht festlegen lassen und hält sich das ein oder andere ironische Hintertürchen offen. Osten fragt, Walser weicht aus. Gelegentlich blickt er aufstöhnend gen Himmel, als seien dort oben alle Cherubim und Seraphim versammelt, um ihm die passende Antwort einzuflüstern. Manchmal scheint das zu funktionieren, und der Schriftsteller lässt sich zu einem veritablen Bekenntnis herab: "Wissen ist reproduktiv", sagt er "der Glaube schöpferisch", und eines sei ihm inzwischen klar geworden: "Etwas schön finden, ist das Höchste, was ein Mensch erreichen kann."

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