Sensationsfund in Zülpich: LVR-Museum Bonn präsentiert 1700 Jahre alten Sarkophag

Sensationsfund in Zülpich : LVR-Museum Bonn präsentiert 1700 Jahre alten Sarkophag

Die Wahrscheinlichkeit, so ein Artefakt aus der Römerzeit zu finden, liegt bei 1:400.000. Der Steinsarkophag, der bei Kanalarbeiten in Zülpich entdeckt wurde, ist in Bonn vorgestellt worden.

Das große Wort Sensation hing in der Luft im angenehm zwischen 18 und 20 Grad temperierten Depot des LVR-Landesmuseums Bonn in Meckenheim, wo sich ein beachtliches Feld von Pressevertretern rund um einen grob behauenen Sandsteinsarkophag und den dazugehörigen Deckel scharte. 1:400 000 sei die Wahrscheinlichkeit, so ein Artefakt aus der Römerzeit zu finden, rechnet Martha Aeissen von der Bonner Firma Archaeonet vor.

Ulf Hürtgen, Bürgermeister der Stadt Zülpich, lächelt stolz, und Milena Karabaic, Kulturdezernentin des LVR, erinnert an den letzten Fund dieser Güte vor mehr als zehn Jahren und lobt die ausgezeichnete Kooperation aller Beteiligten. Es war ein Glücksfall, gepaart mit der hochprofessionellen Intuition des Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland.

Als im vergangenen Jahr Erschließungen für das Kanalnetz der Stadt Zülpich in der Nähe der B 265 begannen, wurden die Archäologen hellhörig. Zum einen, weil man im römischen Tolbiacum (Zülpich) bei Grabungen immer mit Schätzen aus der Antike rechnen müsse, wie Hürtgen anmerkt. Zum anderen, weil die B 265 die Fortsetzung einer der wichtigsten Fernstraßen der einstigen römischen Provinz Niedergermanien ist, die „Agrippa-Straße“.

Die Entdeckung des Sarkophags

Eine Verkehrsachse, die Köln mit Trier verband und bis zum Mittelmeer führte. An dieser Straße und in Nähe der geplanten Kanalarbeiten lag ein römisches Landgut. Wie in solchen Fällen üblich, veranlasste das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege die archäologische Untersuchung der Trasse. „Am Montag, den 4. September 2017, begannen wir mit den Grabungen“, erzählt Aeissen, die mit ihrem Team mit der Untersuchung betraut worden war.

Bald sei bei den Grabungen etwas sichtbar geworden, was wie ein Sarkophagdeckel aussah, erzählt die Bonner Archäologin, „wir haben nachgebohrt und dann war klar, dass das hier etwas Besonderes ist“. Was mochte wohl in dem Sarkophag verborgen sein? Waren Grabräuber schon aktiv gewesen, „sind darin nur ein paar Knochen, oder etwas, das uns Archäologen das Herz erwärmt?“, Aeissen schildert anschaulich, was ihr durch den Kopf ging.

Jetzt lief die Uhr, denn in der Szene der Hobbyarchäologen und Schatzsucher spreche sich so ein Fund schnell herum. Das Team um Aeissen sicherte noch vier umgebende Reste von Feuerbestattungen, konzentrierte sich dann auf den Sarkophag, der bald ausgegraben wurde, ein riesiger rötlicher Block.

1700 Jahre alter Sarkophag im LVR-Museum in Bonn

2,5 Tonnen wiegt der massive Deckel, zwei Tonnen der Sarkophag aus dem dritten Jahrhundert nach Christus. Das Material ist grauvioletter Sandstein aus der Voreifel, wohl unweit von Niedeggen. „Bis Freitag musste das Ding raus“, sagt Aeissen, rund um die Uhr wurde der Fund bewacht. Freitagmittag hatte der Bagger das antike Stück, das 1700 Jahre unter der Erde begraben war, freigelegt, mit einem Kran wurde es gehoben, mit dem LKW ins LVR-Landesmuseum nach Bonn gefahren.

Die Öffnung der Grabstätte

Hier begann das nächste Kapitel des Sarkophag-Krimis: Die Öffnung der Grabstätte unter den Augen des zuständigen Wissenschaftlers Michael Schmauder. Der sah das Skelett einer offenbar wohlhabenden, 25 bis 30 Jahre alten, sehr zarten Frau aus der römischen Provinz inmitten von Grabbeigaben. Ganz genau wurde die Lage der Funde bestimmt und vermessen.

Dann ging man an die vorsichtige Bergung und Restaurierung der Stücke. „Das waren die persönlichen Besitztümer für die Reise ins Jenseits“, erläutert Susanne Willer, Fachreferentin für provinzialrömische Sammlungen im Landesmuseum. Kosmetika, Schmuck, „nach dem Motto: Sie wollte schön sein bis in den Tod“.

Die Wissenschaftler identifizierten feine gläserne Flakons mit Henkeln, die springenden Delfinen nachempfunden sind, einen silbernen Kosmetikspiegel und eine Palette aus Schiefer zum Mischen von Schminke und Salben, ein Ölgefäß, dessen Stopfen aus Kork noch erhalten ist, ein kugeliges Gefäß mit der Aufschrift „Utere Felix“ (benutze mich glücklich).

Utensilien der jungen Römerin

Zu den weiteren Utensilien, die die junge Römerin auf ihre letzte Reise mitnahm, zählte schwarzer Schmuck aus Gagat (bitumenhaltige Kohle von der Ostküste Englands), Haarnadeln mit goldenen Köpfchen, ein Kamm, ein wunderbares Glasgefäß, das in einer antiken Kölner Glasbläserwerkstatt mit weißen und blauen Glasfäden verziert worden war. „Kölner Schnörkel“, nennt man das berühmte Dekor, ein Markenzeichen der Kölner Manufakturen, die damit ihr Exportgut versahen.

Das wohl spektakulärste Stück des Sarkophag-Fundes ist ein nur wenige Zentimeter großes Klappmesser, dessen Griff einen aus Knochen geschnitzten Herkules zeigt, der sich müde auf seiner Keule ausruht. In der Hand auf dem Rücken hält Herkules die goldenen Äpfel, die er den Hesperiden gestohlen hatte.

Es ist der erste Fund dieser Art überhaupt. Verständlich, dass die Kulturdezernentin des LVR angesichts dieser sensationellen Funde entschied, das Ganze bis jetzt unter der Decke zu halten. „Wir wollten verhindern, dass sich Hobbyarchäologen auf diese Fundstellen fokussierten“, erklärt Karabaic.

Archäologie bleibt, das zeigt dieser Fall aus Zülpich, ein großes Glücksspiel. Hätte der Erftverband nicht mit der Erschließung des Kanalnetzes begonnen, wäre der Sarkophag wohl auf ewige Zeiten unter der Erde geblieben.