Einladung zum Bachfest: Leipzig wartet schon auf die Bonner Matthäuspassion

Einladung zum Bachfest : Leipzig wartet schon auf die Bonner Matthäuspassion

Nach einer Aufführungsserie in der Kreuzkirche soll die Inszenierung ein Höhepunkt des diesjährigen Bachfests werden.

Es ist eine Art Ritterschlag. „Vox Bona“, der Kammerchor der Kreuzkirche, gastiert in diesem Jahr beim Leipziger Bachfest. Das Festival ist so etwas wie das Mekka für Bachfreunde aus aller Welt, bei dem sich einige der besten Bach-Interpreten ein Stelldichein geben. Zu diesem illustren Kreis dazuzugehören, sei schon eine „besondere Wertschätzung“, freut sich die Kantorin der Kreuzkirche, Karin Freist-Wissing, die den Kammerchor leitet. Eingeladen wurde das Ensemble mit seiner szenischen Aufführung der Bach'schen „Matthäus-Passion“, die 2017 erstmals in Bonn gegeben wurde.

Die besondere Qualität und Intensität dieser Aufführung sprach sich schnell bis nach Leipzig herum, so dass die Programmverantwortlichen dort bald Nägel mit Köpfen machten und das Ensemble samt Team wie etwa den Lichttechniker „einkauften“.

Auch das gewaltige, farbintensive Tryptichon der Künstlerin Nike Seifert, eigens für die Aufführung entworfen, reist mit. Am 22. Juni geht das Stück an Bachs langjährigem Wirkungsort über die Bühne, nicht in der Thomaskirche – sie ist zu klein –, sondern in der Peterskirche. Wer das Stück schon vorher erleben möchte, hat dazu in der Kreuzkirche Gelegenheit, und zwar Sonntag, 16., und Montag, 17. Juni, jeweils um 19 Uhr.

Der Chor agiert mitten im Publikum

Das Publikum erwartet aber keine schlichte Wiederaufnahme. Die Inszenierung habe sich „weiterentwickelt“, so Freist-Wissing. Geblieben ist das Agieren des Chores inmitten des Publikums. Aber das wurde atmosphärisch noch verdichtet. Wenn zum Beispiel die Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ erklingt, werden Chormitglieder einzelne Zuhörer mit ihrem Blick fixieren. Eine herausfordernde, beklemmend emotionale Situation, die wohl niemanden unberührt lassen wird.

Geschärft wurde auch die Grundkonzeption der Inszenierung von Regisseur Gregor Horres. „Wir erzählen nicht einfach die Passionsgeschichte“, so Freist-Wissing. Vielmehr rücke die Seele des Menschen in den Mittelpunkt, „seine dunklen Seiten, seine Ängste, Sehnsüchte, Aggressionen, seine Liebesfähigkeit, seine Hingabe und Treue“. Archetypische Gefühlslagen, in denen sich ein heutiger Mensch ohne Weiteres wiederfinde. Dazu zähle auch, mit seiner eigenen Tatenlosigkeit konfrontiert zu werden. Zu Beginn der Passion wird Jesus von zwei Männern, Typus Geheimdienstler, verhaftet. Die umstehenden Freunde lassen es geschehen. Die Parallele zum Sterben von Flüchtlingen im Mittelmeer drängt sich für Freist-Wissing geradezu auf. Gefordert ist nicht zuletzt der Chor. Er muss seine gesamte Partie auswendig beherrschen, dabei sich im Kirchenraum bewegen, einmal sogar mit verbundenen Augen singen. Man müsse ein „Riesenvertrauen“ in seine Mitsänger haben, so Vox-Bona-Mitglied Stephanie Watin. Die Sängerbesetzung von 2017 hat sich kaum verändert. Dass man den international sehr gefragten Tenor Sebastian Kohlhepp gewinnen konnte, darf als echter Coup gewertet werden.

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