Ein Abend für Rudyard Kipling: Komplex und labyrinthisch

Ein Abend für Rudyard Kipling : Komplex und labyrinthisch

Der Besuch von renommierten Übersetzern in Alfred Böttgers Buchhandlung ist mittlerweile gute Tradition. Jene interessante Reihe begann vor knapp neun Jahren mit dem Besuch der legendären Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier, welcher mehr als 20 weitere Literaturvermittler folgten.

Ihre jüngste Auflage erlebte die Reihe mit Gisbert Haefs, der dem Literaturnobelpreisträger von 1907, Rudyard Kipling, einen Abend widmete. Kipling war bei der Nobelpreisverleihung übrigens gerade einmal 42 Jahre alt.

"Man hätte ihn übersetzen müssen wie Flaubert, aber er wurde meistens übersetzt wie Edgar Wallace", bringt Haefs, der sich neben seinen Übertragungen von Jorge Luis Borges und Ross Thomas insbesondere durch die Übersetzungen der Romane und Erzählungen Rudyard Kiplings einen Namen gemacht hat, das Dilemma auf den Punkt. Kipling, der legendäre Autor von Welterfolgen wie "Kim" und dem zweiteiligen "Dschungelbuch", wurde in Deutschland lange Zeit unterschätzt und in das literarische Terrain exotischer Räuberpistolen gerückt.

Der 1865 in Bombay geborene und 1936 in London verstorbene Schriftsteller begann im Alter von 16 Jahren als Journalist für Militärgazetten in Indien und gelangte später zum Schriftstellertum. Seine Erzählungen seien anfangs "sehr direkt und lebendig" gestaltet, so Haefs, "später wird er sehr viel komplexer und labyrinthischer". Haefs, der sich auch als Autor geistreicher Kriminalromane und farbenprächtiger Historienromane aus den Welten der Antike profiliert hat, hebt die Lebendigkeit der Texte Kiplings hervor: "Wenn Sie heute Kipling im Original lesen, liest sich das wie von heute früh. Wenn Sie Thomas Hardy lesen, liest sich das wie von 1890."

Rudyard Kipling, der seinen extraordinären Vornamen der Tatsache verdankt, dass sich seine Eltern an dem gleichnamigen See in der englischen Grafschaft Staffordshire verlobten, "interessierte sich für die Welt", sagt Haefs, "und hat die hochgeistigen Debatten in den Salons gerne anderen überlassen. Ich finde, das adelt ihn."

Rudyard Kipling: Die späten Erzählungen. Erstmals aus dem Englischen von Gisbert Haefs. Fischer Klassik, 464 Seiten, gebunden; 19,99 Euro

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