Tanz: Romeo und Julia: Körperliche Wucht in der Bonner Oper

Tanz: Romeo und Julia : Körperliche Wucht in der Bonner Oper

Mei Hong Lin erzählt die Geschichte von Romeo und Julia in starken Bildern. Optisch grandios ist der gespenstische Maskenball, bei dem Romeo und Julia sich zum ersten Mal begegnen

Es ist eine Liebe im Zeichen des Todes. Die in Taiwan geborene Choreografin Mei Hong Lin erzählt die Geschichte des berühmtesten Liebespaares der Theatergeschichte in starken Bildern. Vor allem geht sie mit ihrer exzellenten großen Compagnie den widersprüchlichen Emotionen auf den Grund und zeigt sie mit ungeheurer körperlicher Wucht. Alle Tänzerinnen sind Julia, alle Tänzer sind Romeo.

Alle legen ihren individuellen Ausdruck in die Figuren, sodass ein vielschichtiges Panorama der Gefühle entsteht. Dabei führt ein Paar als Symbol der jungen Liebe (Rie Akiayama, Urko Fernandez Marzano) durch das düstere Geschehen, zwei Männer (Yu Teng Huang, Pavel Povraznik) verkörpern das Symbol der Fehde. Um diese Protagonisten herum entwickeln sich auf dem blutrot glänzenden Tanzboden Szenen aus Shakespeares Drama, wobei in jeder Figur verschiedene Antriebskräfte aufscheinen.

Am Anfang treffen sich die verfeindeten Gruppen an einem großen schwarzen Block, der wie ein Marmorsarkophag erscheint. Von Versöhnung freilich keine Spur, Wut und Hass prägen ihre Bewegungen, die immer wieder kurz zu lebenden Bildern eingefroren werden. Diese Menschen haben nichts gelernt aus der Tragödie, die zwei junge Liebende das Leben kostete. Bühnenbildner Dirk Hofacker, auch verantwortlich für die Kostüme mit Renaissance-Elementen, hat einen monumentalen Raum mit einer riesigen hohen Kuppel geschaffen. Im Lichtdesign von Johann Hofbauer wird dieses sakral anmutende Gewölbe zum Hintergrund für Marktplatz, Palast und schließlich Grabkammer.

Aggressive Klänge

Monumental ist auch die Musik des im April dieses Jahres verstorbenen Komponisten Serge Weber, der regelmäßig mit Johann Kresnik zusammenarbeitete. Die aggressiven Klänge dominieren, donnernde Beats lassen nicht nur die Bühne vibrieren, sondern strapazieren auch das Publikum direkt. Es wimmert, wummert, kracht wie im Krieg der beiden Familien, die sich mit Hohn und Gewalt bekämpfen und nicht wahr haben wollen, dass zwei gerade dem Kindesalter entwachsene Menschen urplötzlich einer unüberwindlichen erotischen Anziehung verfallen sind. Optisch grandios ist der gespenstische Maskenball, bei dem Romeo und Julia sich zum ersten Mal begegnen.

Die pausenlose achtzigminütige Vorstellung ist energiegeladenes Tanztheater auf ständiger Hochspannung mit einem eher sportlichen Bewegungsvokabular. Das Ergebnis der aus grauer Vorzeit herrührenden und längst sinnlos gewordenen Fehde: eine Menge Leichen und Liebende, die erst im Tod vereint sein können. Mei Hong Lins Interpretation ist insofern hochaktuell. Die Uraufführung 2011 am Staatstheater Darmstadt, ihrer langjährigen Wirkungsstätte, wurde für den renommierten deutschen Theaterpreis „Faust“ nominiert. Seit 2013 leitet die international sehr gefragte Choreografin und Musiktheater-Regisseurin Lin die Tanzsparte am Landestheater Linz, der größten Bühne in Oberösterreich.

Ein überraschender Coup: Sie entlässt das Publikum nicht mit dem pessimistischen Schlussbild. Das traditionelle Verbeugungsritual ist hier eine heitere eigene Inszenierung, bei der alle neun Paare sich gegenseitig suchen und so noch mal das unschuldige Liebesglück als Möglichkeit präsentieren. Der leicht irritierte Applaus aus dem gut besuchten Opernhaus steigerte sich danach zum langen Sturm.

Das nächste und für diese Saison letzte Highlight des internationalen Tanzes folgt am 26. Juni: „Alice“ nach Lewis Caroll, choreografiert von dem italienischen Weltstar Mauro Bigonzetti, eine Produktion des Balletts Dortmund. Karten an der Abendkasse.

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