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Kammerspiele Bad Godesberg: Klaus Weise inszenierte Anton Tschechows "Kirschgarten"

Kammerspiele Bad Godesberg : Klaus Weise inszenierte Anton Tschechows "Kirschgarten"

Hatte Karin Henkel in Köln die Adelssippe als entfesselte Spaßgesellschaft mit Karacho in die Pleite gejagt, so haben die Figuren nun bei Klaus Weise in den Kammerspielen Bad Godesberg eher einen langsamen Walzer in den Bankrott getanzt.

Man muss schon sagen, unser Leben ist ziemlicher Quatsch." Das sagt ausgerechnet Lopachin, der reich gewordene Leibeigenensohn und bei weitem der Tatkräftigste in Anton Tschechows Komödie "Der Kirschgarten" (1900). Die anderen müssten diesen Satz fett unterstreichen.

Besonders Gutsherrin Ranewskaja, die mit großem Gepäck und grandioser Garderobe aus dem Ausland hereinschneit, dem ruinösen Geliebten nachtrauert und sich mit rauschenden Festen über den drohenden Verlust des Familienbesitzes samt Kirschgarten hinwegtröstet. Abwarten und Wodka trinken.

Hatte Karin Henkel in Köln die Adelssippe als entfesselte Spaßgesellschaft mit Karacho in die Pleite gejagt, so tanzen die Figuren nun bei Klaus Weise in den Kammerspielen Bad Godesberg eher einen langsamen Walzer in den Bankrott. Auch vom Regie-Holzhammer, den jüngst Calixto Bieito in München auf den Klassiker niedersausen ließ, hält der Bonner Generalintendant in der letzten Schauspielpremiere der Saison nichts.

Er zieht die Glacéhandschuhe an, um Tschechows Müßiggänger über den schmalen Grat zwischen Tragik und Komik zu lotsen. Die Traurigkeit soll durch die Tändelei schimmern, die Kurzweil soll Abgründe kaschieren. Ein schönes Konzept, das höchstens bedingt aufgeht. Dorothea Wimmers weiße Bühne mag ihre klinische Strenge zwar durch weiche Wandbespannung und einen halbtransparenten Paravent minimal abmildern. Dennoch schluckt sie viel Atmosphäre, die durch die gelegentliche Projektion von Schränken und Lüstern arg dekorativ ersetzt wird.

Dadurch wirkt die Fin de siècle-Welt in ein seltsames Niemandsland versetzt. Die Endzeitstimmung bleibt oft flau, zumal die allzu wohltemperierte Regie vor allem im ersten Teil die Emotionen dimmt. So jedenfalls birgt die Ereignisarmut des Stücks die Gefahr gepflegter Langeweile.

Zwar ist die mondäne Überspanntheit der Gutsherrin bei Katharina von Bock in besten Händen, zur erotischen Sirene darf sie hier freilich nicht werden. Und der nicht durch Maskenbildnerei, sondern durch einen Fahrradunfall verschrammte Ralf Drexler lässt seinen Lopachin gewissermaßen auf Zehenspitzen durchs Gut der Ranewskaja gehen, das er bald kaufen und parzellieren wird. Ein Schuss auftrumpfender Virilität hätte ihm kaum geschadet.

Auch um seinen Reiz für Warja klarzumachen, jene schwer vermittelbare Stieftochter, die Louisa Stroux fast an ihren Sehnsüchten ersticken lässt. Eine überzeugende Leistung, wie die Inszenierung überhaupt ihre Momente hat: Wenn Gouvernante Charlotta (schön aus der Welt gefallen: Maria Munkert) traumhaft auf dem roten Ball balanciert, wenn der schief in seinen Anzug gehängte Gajew (Bernd Braun) als Prototyp nervöser Dekadenz brilliert.

Vor allem aber dann, wenn Ranewskaja dem ewigen Studenten und Pseudo-Revoluzzer Trofimow (Konstantin Lindhorst) das Recht abspricht, über sie, ihr Unglück und ihre Trauer zu urteilen. Dann ist sie für Augenblicke da, jene flirrende Stimmung zwischen Leichtsinn und Melancholie, Realitätsblindheit und heiterem Fatalismus.

Dieses Wunder jedoch geschieht zu selten an einem Abend, dem der bezwingende Zugriff, der tragende Ton fehlt. So muss auch das Schlussbild des sterbenden Dieners Firs (Tanja von Oertzen) noch durch eine entbehrliche Projektion übertrumpft werden, in der ein Bagger den Kirschgarten planiert. Langer Beifall, einige Bravi für einzelne Schauspieler.

Nächste Termine: 10. und 17. Juni., je 18 Uhr, 20. Juni um 19.30 Uhr. Karten in den Bonnticketshops in den Zweigstellen des General-Anzeigers und bei bonnticket.de