Scorpions-Sänger im Interview: Klaus Meine blickt zurück auf Konzerte in Bonn

Scorpions-Sänger im Interview : Klaus Meine blickt zurück auf Konzerte in Bonn

Die Scorpions spielen im Sommer auf dem KunstRasen. Sänger Klaus Meine erinnert sich im Interview mit dem General-Anzeiger auch an frühere Bonner Konzerte im legendären Club Underground und auf dem Museumsplatz

Mehr als 100 Millionen verkaufte Tonträger und mehrere Tausend Konzerte in mehr als 80 Ländern stehen in der Bilanz der Scorpions, die seit mehr als 50 Jahren im Musikzirkus aktiv sind. Vor 30 Jahren gelang der Band aus Hannover mit „Wind of Change“ zudem eine Friedenshymne für die Ewigkeit. Im Jahr 2010 hat das Quintett dann die Rente eingereicht, doch daraus wurde nichts. Seit nunmehr neun Jahren touren die Scorpions im Unruhestand weiter über die Kontinente. Im Sommer gastiert die Band in Bonn auf dem KunstRasen. In der Bundesstadt haben sich die Scorpions bereits in jungen Jahren ausgetobt. Mit Sänger Klaus Meine (71) sprach Heinz Dietl.

GA: Herr Meine, führen Sie bei Ihren Konzerten Statistik?

Klaus Meine: Nee, überhaupt nicht. Da hätte ich viel zu tun.

GA: Haben Sie eine Ahnung, wie viele Konzerte Sie gespielt haben?

Meine: Es gibt Fanclubs, die gern solche Daten zusammen tragen. Es sollen zwischen 3000 und 5000 Shows sein. Das kommt hin.

GA: Eher fünf oder eher drei?

Meine: Eher fünf.

GA: Wie gut ist Ihr Gedächtnis, was einzelne Konzerte angeht?

Meine: Das kommt auf das Konzert an. Welches meinen Sie?

GA: 1. März 1975.

Meine: Das müsste ein Konzert in England gewesen sein.

GA: Nein, Bad Godesberg. Im legendären Club Underground.

Meine: März 1975, okay, dann haben wir uns dort für unsere erste England-Tour warm gespielt. Clubs wie das Underground waren ungeheuer wichtig für das, was später kommen sollte. Eine harte, aber gute Schule.

GA: Ein Bonner Zeitzeuge erinnert sich: Die Scorpions hätten Songs vom zweiten Album „Fly to the Rainbow“ gespielt, und Gitarrist Rudolf Schenker habe einen Kopfstand gemacht.

Meine: Ja, natürlich. Rudolf ist ein Freund der Yoga-Lehre, sein Kopfstand gehörte zum Bühnenprogramm. Das hatte nichts mit den speziellen Rauschwaden im Underground zu tun.

GA: 1998 spielten Sie auf dem Bonner Museumsplatz – auf Einladung des damaligen Bundesratspräsidenten Gerhard Schröder. Erinnern Sie sich?

Meine: Klar, vorher gab es noch ein Treffen mit ihm. Gerhard Schröder hatte uns schon öfter eingeladen. Bei der Expo 1992 in Sevilla hat er im deutschen Pavillon Hardrock aus Hannover präsentiert – statt Geigen aus der Heide. Sehr sympathisch.

GA: Die Scorpions sind weltweit unterwegs . Fühlen Sie sich als Botschafter von Deutschland?

Meine: Man trägt das nicht vor sich her, aber man gerät automatisch in die Rolle des musikalischen Botschafters. Man merkt das in Südostasien, auch im Nahen Osten – oder Ende der 80er, als wir erstmals in der Sowjetunion gespielt haben.

GA: Wie fühlt sich das an?

Meine: Wir sagen dann: Unsere Eltern sind mit Panzern gekommen, wir kommen mit Gitarren. Wir vertreten eine Generation Deutschlands, die mit Musik unterwegs ist. Eine Generation, die Brücken baut. Eine positive Sache, die zu einem positiven Deutschlandbild beiträgt.

GA: Sie sind zurzeit wieder weltweit auf Tournee. Was unterscheidet China von Neuseeland?

Meine: Die Entfernungen sind oft groß, die Unterschiede nicht – wenn Fans in Peking und Auckland mit der gleichen Begeisterung unsere Klassiker mitsingen. Bemerkenswert ist das in Israel und im Libanon, wo man den Eindruck hat, dass Musik in der Tat Grenzen überwindet.

GA: Sie spielen im November 2019 in Russland und in der Ukraine. Zwischen beiden Länder gibt es einen militärischen Konflikt. Erwartet man von den Scorpions von der einen oder anderen Seite politische Aussagen dazu?

Meine: Es gibt, um ehrlich zu sein, hin und wieder solche Anfragen. Aber wir versuchen, neutral zu bleiben. Beide Seiten respektieren, dass wir auch im jeweils anderen Land spielen.

GA: Welche Rolle spielt Ihr Friedenshit „Wind of Change“ heute?

Meine: „Wind Of Chance“ wird auch aktuell noch als Song der Hoffnung wahrgenommen. Es geht um die Hoffnung, dass sich die Welt wieder besinnt. Dass die Uhren, die zurzeit alle rückwärts laufen, wieder nach vorn gestellt werden, damit wir in einer friedlichen Welt leben können.

GA: Sie haben das Stück im September 1989, zwei Monate vor dem Mauerfall geschrieben. Kann Musik Mauern einreißen?

Meine: Natürlich nicht. Doch die Rockmusik hatte einen gewissen Anteil daran, dass die jüngere Generation hinter dem Eisernen Vorhang in Bewegung geraten ist. Wir haben im August 1989 in Moskau beim Peace-Festival gespielt, dort hat man uns schon prophezeit, dass die Zeiten des Kalten Krieges bald vorbei sein würden. Und so kam es auch.

GA: Hat Sie das beim Texten von „Wind of Chance“ inspiriert?

Meine: Wir kamen mit diesen Eindrücke nach Hause, und der Song hat sich seinen Weg gesucht. Ich habe versucht, das auszudrücken, was wir 1988 in Leningrad und 1989 in Moskau erlebt hatten. Man hat gesehen: Die Welt verändert sich.

GA: Sollte man den Song um eine aktuelle Strophe erweitern, die sich mit den Gefahren des Nationalismus auseinandersetzt?

Meine: Absolut. Wir leben in einer Zeit, wo viele Strukturen auseinanderzufallen schienen. Dabei stehen wir vor Problemen wie Klimawandel und Globalisierung, die man gemeinsam bewältigen müsste.

GA: Im März 2010 haben die Scorpions ihre Abschiedstournee angekündigt. Bereuen Sie das?

Meine: Zugegeben, wir hätten der Tournee ein anderes Motto geben sollen, aber wir waren damals irgendwie auch ausgepowert. Was konnte noch kommen? Es schien uns sinnvoll, einen Schlussstrich zu ziehen.

GA: Gab es eine Alternative?

Meine: Wir hätten damals besser eine Pause einlegen sollen. Eine weltweite Abschiedstour dauert zwei, drei Jahre – und in dieser Zeit passiert erneut eine Menge.

GA: Was ist bei Ihnen passiert?

Meine: Es zeigte sich recht schnell, dass dieser Scorpions-Apparat noch funktioniert. Die Nachfrage ist immens. Außerdem waren wir gerade im Studio, haben ohne jeglichen Druck neue Songs eingespielt. Also: Wir Musiker haben noch viel zu viel Spaß, um jetzt schon den finalen Stecker zu ziehen.

GA: Das heißt: Ende offen?

Meine: Wir haben gelernt, zu diesem Thema keine Aussagen mehr machen.

GA: Macht Ihre Stimme noch mit?

Meine: Sie ist ein hochsensibles Instrument. Man spielt jedes Konzert, als sei es das letzte. Man muss darf achten, dass man die Stimme hegt und pflegt.

GA: Wie macht man das?

Meine: Viel Tee trinken und die Stimme immer gut aufwärmen vor den Shows. Insgesamt fit zu bleiben ist bei 50 Konzerten im Jahr auch nicht ganz unwichtig.

Mehr von GA BONN