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Bonn im Roman: Joseph von Westphalen: "Im diplomatischen Dienst"

Bonn im Roman : Joseph von Westphalen: "Im diplomatischen Dienst"

Joseph von Westphalen schuf mit Harry von Duckwitz eine schillernde literarische Figur

Der geniale österreichische Feuilletonist und Theaterkritiker Alfred Polgar (1873-1955) vertrat eine eindeutige Position zum deutschen Lustspiel: "Der Humor trägt eine Tarnkappe; immerzu schreit er: ,Ich bin da!' und nie sieht man ihn." Polgar hatte recht. Wir sind, nehmt alles nur in allem, eine Kultur-, aber keine Humornation. Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel.

Für die neuere deutsche Literatur widerlegte der 1945 geborene Autor Joseph von Westphalen Polgers Verdikt glanzvoll. Zwischen 1991 und 1996 schuf er mit der Roman-Trilogie "Im diplomatischen Dienst", "Das schöne Leben" und "Die bösen Frauen" ein humorsattes, geistreiches literarisches Paket für die Ewigkeit. Nun ja, nicht ganz für die Ewigkeit. Die Wirkung des Werks muss inzwischen nachgelassen haben, die drei Romane sind nur mehr antiquarisch zu haben (ab 20 Cent).

Harry von Duckwitz heißt der Hauptdarsteller der drei Bände. Ein Dandy, Lebemann, anarchischer Egozentriker, Frauenversteher und Frauenverführer: ein klassischer "homme à femmes". Mit politischer Korrektheit hat er ebenso wenig am Hut wie der Autor Joseph von Westphalen. Gegen die Gesetze des militanten Feminismus verstößt er auf geradezu kriminelle Weise.

Harry von Duckwitz ist Jurist, Mitte der siebziger Jahre empfindet er Zweifel an seinem Wirken in einer Frankfurter Kanzlei. Er will in den diplomatischen Dienst eintreten, absolviert die mündliche Prüfung in der Aus- und Fortbildungsstätte des Auswärtigen Amts in Bonn-Ippendorf und landet schließlich an der Botschaft von Jaunde in Kamerun - als Legationsrat für Wirtschafts- und Rechtsangelegenheiten. Harry von Duckwitz wird in den drei Romanen viel in der Welt herumkommen, in viele Fettnäpfchen treten und zahllose Abenteuer erleben. Aber Bonn bleibt das Fundament der Trilogie.

Hier passieren zentrale Dinge im Leben des schillernden Helden, und die haben immer mit Frauen zu tun. Mit Rita (Ehefrau) zum Beispiel und mit Helene (Freundin), die einmal ihre rasende Lust auf Meeressauereien ausdrückt, die aller Wahrscheinlichkeit nach im Petit Poisson in der Wilhelmstraße befriedigt wird; beim Namen genannt wird das Restaurant allerdings nicht.

Der Autor und seine Figur lieben Sottisen und bissige Bonmots. Der Sound der immer noch schwer unterhaltsamen Romane ist auf spielerische Art krawallig, lästerfreudig und locker. Der Kritiker Eberhard Rathgeb hat 1996 eine prägnante Formel für den Duckwitz-Duktus gefunden: "Die Duckwitziaden sind Glossen, Polemiken, Lamenti entlang dem Lauf der Zeiten. Banalitäten und Rechthaberei sind ihm dabei keineswegs fremd, im Gegenteil, sie gehören zum Duckwitzschen Lebensstil wie Jazz und Weißwein." Die Politik, wir sind in der Bundeshauptstadt Bonn, kriegt ihr Fett weg. Beispiel 1982: Helmut Kohl wird Kanzler, er folgt auf Helmut Schmidt. Von Duckwitz nennt Schmidt einen Giftzwerg, der seine sturen Vorstellungen immerhin mit einer einigermaßen passablen Rhetorik von sich gegeben habe. Mit seinem Nachfolger "stand da auf einmal ein gewaltiger Tölpel und ruderte herum". Seit Jahren, so der Diplomat von Duckwitz ganz undiplomatisch, "hatte man sich daran gewöhnt, dass Bonn eine Bühne war, auf der schlechte Schauspieler ein schlechtes Stück aufführen, mal so, mal so." Aber jetzt?

Die Stadt muss auch leiden: "Dieses elende, graue Bonn. Wer hatte das Märchen erfunden, dass es ein Treibhaus sei. Wenn es doch eins wäre. Bonn war nichts als ein endloses graues Wochenende, an dem die Zeit stillstand."

Und das soll unterhaltsam sein? Gewiss, denn gerade in Bonn (und unweit entfernt im sogenannten Eifelhaus) findet von Duckwitz' unersättliche Libido ein fruchtbares Betätigungsfeld. Der Fabulierkünstler Joseph von Westphalen kommt in den einschlägigen Szenen so richtig auf Touren.

Von Westphalens Romane lesen sich wie das ideale Drehbuch für einen Fernseh-Mehrteiler, inszeniert von Helmut Dietl oder Dieter Wedel. Es hat nicht sollen sein.

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Joseph von Westphalen: "Im diplomatischen Dienst". dtv. 302 S.; "Das schöne Leben". dtv. 322 S.; "Die bösen Frauen". Hoffmann und Campe, 413 S. Alle drei Bücher sind antiquarisch erhältlich.