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"Getürkt" in der Werkstattbühne: Jörg Menke-Peitzmeyer Asyl-Drama bleibt ein harmloses Kammerspiel

"Getürkt" in der Werkstattbühne : Jörg Menke-Peitzmeyer Asyl-Drama bleibt ein harmloses Kammerspiel

"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Mit diesem Satz beginnt das für den deutschen Jugendtheaterpreis 2012 nominierte Stück "Getürkt" von Jörg Menke-Peitzmeyer.

Musa selbst wühlt in den Romanen der Gefängnisbibliothek und findet in Kafkas "Prozess" die literarische Parallele zu seinem Schicksal Der 18-Jährige ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, Türkisch ist für ihn eine Fremdsprache. Trotzdem wird er in die Türkei abgeschoben, weil seine türkischen Eltern sich in den 80er Jahren als libanesische Bürgerkriegsflüchtlinge ausgegeben und auf diese Weise Asyl "erschlichen" haben.

Auf der Werkstatt-Bühne erzählt das gemeinsame Projekt von Theater Bonn und dem Offenburger Theater Baal Novo die Geschichte eines absurden Urteils aus mehreren Perspektiven. Nur ein paar Rollcontainer in verschiedenen Größen stehen auf der Bühne, dienen als Schauplätze und Requisiten: Symbole für die Transitwelt der Abschiebehaft, Übergangsheime, Wartesäle und Flughäfen.

Hier fristet Musa sein entwurzeltes Dasein: Kraftvoll und schnörkellos spielt Sinan Hancili den jungen Mann als Opfer eines unmenschlichen Systems, gibt der Verwirrung, Wut und der bis ins Mark erschütterten Identität ein Gesicht. Dann ist da Ceren, Türkin mit deutschem Pass, die aus Liebe zu Musa alles tun würde, nur nicht ihr Studium in Deutschland aufgeben.

Elmira Rafizadeh ist eine ebenso zarte wie kraftvolle Freundin, die aber am Ende auf verlorenem Posten kämpft: Ihr vergebliches Ringen für Musa und ihre eigene Selbstachtung macht Regisseurin Marita Ragonese auf eindringliche Weise deutlich, wenn sie Ceren über eine schmale Stange balancieren lässt - immer wieder geht sie los, nie kommt sie an.

Als Gegenwelt zur existenziellen Not der jungen Leute präsentiert Menke-Peitzmeyer Bibliothekarin, Polizisten und Mitarbeiter der Ausländerbehörde teils live, teils in Filmausschnitten einer Doku-Soap. Die spießige Selbstdarstellung der Amtsgewalt mag stellenweise witzig sein, doch sie reduziert die für Musas Absturz verantwortlichen Bürokraten auf Karikaturen, denen auch das engagierte Spiel von Fabienne Trüssel und Hans H. Diehl kaum Tiefe verleihen kann.

Dass die Inszenierung keine getürkten Auswege aus dem Elend zeigen will, schön und gut, aber auch die Bestandsaufnahme kratzt nur selten an der Oberfläche eines harmlosen Kammerspiels. Ein paar Kraftausdrücke erzeugen noch keine sprachliche Wucht, und wenn Musa am Ende wieder in deutschen Büchern stöbert und diesmal letzte Sätze vorliest, schließt sich der Kreis allgemeiner Ratlosigkeit.

Weitere Vorstellungen am 25. und 26. Januar. Karten in den Bonnticketshops der GA-Geschäftsstellen und unter bonnticket.de