Auftritt auf dem Roncalliplatz: Joan Baez spielt ergreifendes Konzert in Köln

Auftritt auf dem Roncalliplatz : Joan Baez spielt ergreifendes Konzert in Köln

Ergreifender Abschluss der Konzert-Trilogie auf dem Roncalliplatz in Köln mit Joan Baez. Mit „Don't Think Twice It's All Right“ eröffnet sie einen ganz wunderbaren Abend.

Wenn wir an sie denken, denken wir an eine junge Frau mit langen, dunklen, glatten Haaren, die sie in der Mitte gescheitelt trägt. Die junge Frau hat ein ovales Gesicht, mandelförmige Augen, und sie wirkt ein bisschen schüchtern. Trotzdem singt sie am 28. August 1963 beim „Civil Rights March“ ein Lied, das sie auf ewig mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung verbinden und zu einer ihrer Ikonen machen wird: „We shall overcome“.

Wenn wir sie sehen, fast 55 Jahre später, sehen wir eine jung gebliebene Frau mit silberweißen Haaren, geschnitten zu einer stufigen Kurzhaarfrisur. Die hohen Wangenknochen treten deutlicher hervor, die Augen sind noch immer mandelförmig, und sie wirkt kein bisschen schüchtern. Was wir sehen, wen wir da sehen, das ist Joan Baez, inzwischen 77 Jahre alt, unterwegs auf ihrer „Fare thee well Tour“. Sie verabschiedet sich von der Bühne. In Köln, am Freitagabend auf dem Roncalliplatz, erleben wir eine souveräne, in sich ruhende Künstlerin. Anfassbar menschlich, kein bisschen abgehoben oder unnahbar. Das ärmellose, blauweiß gestreifte T-Shirt, das sie trägt, findet sich, in Varianten, dutzendfach im Publikum. Der Sommer 2018 ist der Sommer der maritimen Mode.

Mit „Don't Think Twice It's All Right“ eröffnet Baez einen ganz wunderbaren Abend, der zugleich den krönenden Abschluss der dreiteiligen Konzertserie auf dem Platz vor dem Dom bildet. Die einstmals so strahlend helle Zartheit ihrer Stimme hat eine dunklere, rauere Färbung angenommen, aber die passt zu ihr. Früher war sie eine Lerche. Nun ist sie eine Löwin. Und dann gibt es da ja auch noch die junge, äußerst talentierte Sängerin Grace Stumberg aus Buffalo, New York, die ihr zur Seite steht, wenn es höher nach oben gehen soll. Auch Multiinstrumentalist Dirk Powell und ihr Sohn Gabe Powell (Percussion) sind mit von der Partie.

Von Bob Dylan, mit dem sie einst liiert war und als Traumpaar der Folkszene galt, gibt es ganze sieben Songs, darunter „Farewell Angelina“, „It's All Over Now Baby Blue“ und das schon einen Tag zuvor von Patti Smith am gleichen Ort interpretierte „A Hard Rain's Gonna Fall“. Zum Konzert der Kollegin hatte Baez eine Tanzeinlage beigesteuert, nun zollt sie ihr auch verbal Respekt: „Patti ist ihre eigene starke Seele“.

Überhaupt covert Baez viel. Zu Woody Guthries Song „Deportee“ über die Deportation mexikanischer Einwanderer merkt sie an: „I like Mrs Merkel“. Zoe Mulfords „The President Sang Amazing Grace“ über Barack Obama, der 2015 nach dem Mord an neun schwarzen Kirchgängern durch einen weißen Attentäter Zuflucht zu diesem Lied nahm, weil ihm die Worte fehlten, lässt sie mit „My President sang…“ enden.

Das Stück findet sich auf ihrem aktuellen Album „Whistle Down The Wind“, von dem auch das Titelstück und „Silver Blade“ erklingen. Mit „Diamonds and Rust“ lässt sie noch einmal die Beziehung zu Dylan Revue passieren, berührend gerät das „Abendlied“ von Matthias Claudius, wobei der Mond ganz anders phrasiert aufgeht, als man es gewohnt ist. „Gracias A La Vida“ gerät zur Hymne ans Leben, die alle mitsingen. Um 21.25 Uhr ist noch Zeit für vier Zugaben: „Sag' mir, wo die Blumen sind“, The Boxer“, „Sind so kleine Hände“ und „Blowin' in the Wind“. So ergriffen, wie die 4000 Fans anschließend sind, verzeihen sie sogar, dass Baez ihnen „We Shall overcome“ verwehrt hat.

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