Michel Houellebecq in Köln: "Helden müssen nur stur sein"

Michel Houellebecq in Köln : "Helden müssen nur stur sein"

"Man muss kein Held sein, um heroisch zu handeln, man muss nur stur sein. Und das waren die Leute von ,Charlie Hebdo'". Mit dieser Erklärung begann Michel Houellebecq am Montag seine von gewaltigem Medieninteresse begleitete, restlos ausverkaufte und von Köln.tv live gesendete Lesung im Depot 1.

Kurze Rückblende: Am 7. Januar richten zwei Islamisten ein Massaker in der Redaktion des Satireblatts "Charlie Hebdo" an, das auf der Titelseite ein karikiertes Porträt von Houellebecq zeigt. Dessen Buch "Unterwerfung" (deutsch bei DuMont) erscheint am gleichen Tag in Frankreich - und entwirft für 2022 die Utopie einer muslimisch regierten Grande Nation.

Monströse Zufälle, die freilich, so lit.Cologne-Macher Rainer Osnowski, nach Rückfrage bei Polizei und Staatsschutz "keine besondere Gefährdungslage" zeitigten. Garderobenzwang, Taschenkontrollen und einen Polizeiwagen gegenüber dem Eingang gibt's allerdings doch. Und jene Erklärung, mit der der 58-jährige Autor in diesem ersten Auftritt nach seinem Werbeverzicht die Flucht aus der "Endlosschleife" von Statements antritt.

"Zunächst hatte ich das Gefühl, ständig neu erklären zu müssen, dass mein Roman nicht islamophob ist, jetzt muss ich dazu sagen, dass man einen islamophoben Roman schreiben dürfte, wenn man denn wollte." So fühlt er sich durch die Demonstrationen daheim bestärkt, "die zeigen, dass sich die Franzosen ganz entschieden für Meinungsfreiheit einsetzen". Und: "Man kann verlangen, dass die Politik uns dabei schützt." Seine Erklärung schließt mit einem schönen Voltaire-Zitat: "Wir haben nur drei Tage zu leben, und die sollten wir so leicht wie möglich verbringen."

Dann hat die Literatur das Wort. Robert Dölle, Ensemblemitglied des gastgebenden Schauspiels Köln, liest bezeichnende Passagen: das lustlos verpatzte Rendezvous des Helden François mit Freundin Myriam, das Verschwinden von Röcken und Kleidern nach dem Wahlsieg des fiktiven Muslim-Politikers Mohammed Ben Abbes. "Präsident von Frankreich, das ist für ihn nur der Anfang", meint Houellebecq, "er möchte Präsident eines ums Mittelmeer zentrierten Europas werden."

Der Autor sieht sich nicht als Visionär, obwohl in "Unterwerfung" die Juden das Land verlassen. Netanjahus Aufruf, die Juden sollten sich nach dem Pariser Supermarktanschlag gen Israel aufmachen, hält er für ebenso übertrieben wie die Aufforderung des französischen Premiers, sie sollten unbedingt bleiben. Nur die Betroffenen wüssten, was zu tun sei.

Houellebecq legt jene Theorien dar, die seinen Roman befeuern: "Etwa die, dass Biologie stärker ist als Ideen", womit sich die kinderreichste Volksgruppe durchsetzte. Was angesichts schwindender Faszination des Christentums die Zeit des Islams anbrechen lasse. Ob er selbst das denn begrüße, will Moderator Nils Minkmar (F.A.Z.) wissen. Houellebecq: Die Ratlosigkeit seines Helden dürfe man da getrost auf ihn übertragen, "ich habe keine Ahnung".

[kein Linktext vorhanden]Für die Politik seiner Heimat gilt das weniger. Wie tief ist die Krise? "Pfff", macht der Autor: "Seit Jahren versuchen Medien, Politiker und der Kulturbereich, den Front National zu bremsen, aber dies misslingt. Die Folge: Man kann ein rechtes Volk haben, das einen linken Präsidenten wählt - es ist eine Falle."

Marine Le Pens Partei gebe dem Land mit ihrer Anti-Immigrations- und Anti-Europa-Politik "die Illusion eines unabhängigen Frankreichs, des Landes von Charles de Gaulle". Seine Horrorvision: "2017 wird Frankreich noch weiter rechts stehen, wenn Hollande dann noch einmal gewählt wird, endet das böse."

Sein Gegenmittel: eine direkte Demokratie ohne Parlament, in der Präsident, Richter und Staatsanwälte vom Volk gewählt und abgewählt werden.Und wenn der Sorbonne-Präsident Rediger im Roman zum Islam konvertiert, weil er Europa für tot hält, meint Houellebecq: "In der Zeit, in der wir leben, ist das ein plausibler Lebenslauf."

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