Konzert in der Kölner Philharmonie: Händels Messias erklingt lebendig und frisch

Konzert in der Kölner Philharmonie : Händels Messias erklingt lebendig und frisch

Der britische Alte-Musik-Spezialist Trevor Pinnock dirigiert das berühmte Oratorium zum Finale des Kölner Fests für alte Musik.

Beim Anblick des zweimanualigen Cembalos in der Kölner Philharmonie, das vor dem Konzert wie zum Abholen bereit leicht erhöht auf Klaviertransportrollen vorm Orchester stand und dem Spieler nicht einmal den Komfort einer Sitzgelegenheit in Aussicht stellte, wirkte ein bisschen irritierend. Doch der Grund war ein naheliegender: Dirigent Trevor Pinnock würde Georg Friedrich Händels Oratorium „Messiah“ stehend von dem Continuo-Instrument leiten. Fast drei Stunden inklusive Pause dauerte der Abend, eine Zeitstrecke, die der drahtige 72-jährige Brite in der Kölner Philharmonie mit großer mentalen und physischen Präsenz souverän bewältigte.

Es war das Abschlusskonzert des diesjährigen Kölner Fests für alte Musik, das von den beiden eigenen Kölner Ensembles des Festspielleiters Christoph Spering gestaltet wurde: Chorus Musicus und Das Neue Orchester. Über eine Woche lang gab es beim Festival musikalische Neu- und Wiederentdeckungen an oftmals außergewöhnlichen Orten, um im Finale schließlich in der Philharmonie mit einem der populärsten Oratorien der Musikgeschichte im musikalischen Mainstream zu landen. Doch das muss, wie man an diesem Abend erleben konnte, gar nichts Schlechtes sein. Als einer der wichtigsten Pioniere der historischen Aufführungspraxis hat der virtuose Cembalist und zupackende Dirigent Trevor Pinnock sich die Neugierde und den Biss bewahrt, die Musik bis ins letzte Detail wunderbar lebendig zu gestalten.

Die Musiker des Neuen Orchesters fanden in ihm einen Partner, der dieselbe (musikalische) Sprache spricht. Die Begleitung der Chöre und Arien gefiel durch den schönen, homogenen Klang einerseits, anderseits aber auch durch das rhythmisch pointierte und sehr lebendig gestaltete Spiel der Kölner Musiker. Auch atmosphärische Schilderungen wie die geheimnisvollen Streicherfiguren zu Beginn des Bass-Accompagnatos „For behold, darkness shall cover the earth“ gelangen auf sehr bezwingende Weise. Božidar Smiljanic gestaltete hier wie auch in der folgenden Arie überaus eindringlich.

Ausgezeichnetes Solistenquartett

Überhaupt hatte Pinnock eine ausgezeichnete Solistenschar um sich versammelt. Oliver Johnston sang die Tenorpartie keineswegs ätherisch, sondern durchaus mit Kraft und Ausdruck, Claudia Huckle berührte mit sinnlicher Altstimme und Kate Royal mit schönem, lyrischem Sopran und einer lebendigen Phrasierung, die Mut zum geschmackvoll eingesetzten Vibrato bewies.

Der 34-köpfige Chor sorgte in den meist vierstimmigen Sätzen für die nötige Klangfülle und Brillanz. Wobei im Alt zwei männliche Countertenöre die Frauenstimmen unterstützten. Nicht nur das „Hallelujah“ am Ende des zweiten Teils stimmte das Publikum glücklich.

Dass der am 13. April 1742 in Dublin uraufgeführte „Messiah“ zu einem Stück von unsterblicher Popularität geworden ist, hat freilich nicht nur mit diesem „Hit“ zu tun, sondern verdankt sich dem Zusammenspiel von mitreißenden Chorsätzen, himmlisch schönen Arien und nicht zuletzt dem genialen Textbuch von Charles Jennens. Anders als in Händels „Saul“, „Belshazzar“ oder „Jephta“ erzählt es keine konkrete Handlung, sondern ist eine fast abstrakte Reflexion über die Heilsgeschichte des Erlösers beginnend bei alttestamentarischen Prophezeiungen. Händel, eigentlich ein geborener Dramatiker, hat dafür eine oft berührende und zu Herzen gehende Tonsprache gefunden, die dank der ausgezeichneten Interpreten an diesem Sonntagabend auch in der nicht ausverkauften Philharmonie lautstark und langanhaltend bejubelt wurde.

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