Klavierabend in der Kölner Philharmonie: Grigory Sokolov begeistert seine Fans

Klavierabend in der Kölner Philharmonie : Grigory Sokolov begeistert seine Fans

Nach mehr als zwei Stunden Programm mit Beethoven und Brahms spendiert der Pianist seinen Fans einen ganzen Strauß Zugaben.

Ein Pianist wie aus einer anderen Zeit. Ein kleiner, rundlicher Mann, Ende sechzig, wirre weiße Haare, ein Frack wohl aus dem Kostümverleih. Schlurft auf die Bühne, setzt sich, spielt. Das Publikum? Wird wohl da sein, wie immer.

Die Philharmonie ist sogar beinahe ausverkauft. Zweitausend Sokolov-Fans, wie man spätestens am Ende von Beethovens Op. 2,3 weiß, denn dann bricht ein Applaus los wie ein mittlerer Orkan. Und Grigory Sokolov? Steht auf, verbeugt sich, setzt sich, spielt weiter.

Dabei ist’s ihm bei Weitem nicht egal, dass er wieder mal die Leute ganz auf seiner Seite hat. Als nach mehr als zwei Stunden das reguläre Programm erledigt ist und im Saal einfach keine Ruhe aufkommen will, rückt er nach einigem Zögern doch noch eine Zugabe raus. Und dann noch eine und noch eine und noch eine. Grigory Sokolov ist ein Pianist für Kenner. Einer, der Musik nicht an der Oberfläche poliert, sondern von innen leuchten lässt.

Sokolov legt die Hände auf die Tasten, dann geht ein weiter Raum auf: Was im Vordergrund steht, strahlt goldenen, dahinter staffelt sich Farben und Schatten vor einem weit zurückliegende, tiefschwarzem Hintergrund. Wenn Sokolovs Linke im Adagio von Beethovens früher Sonate einfache Akkordbrechungen stützt, dann vernimmt man aus der Ferne ein furchtbares Donnergrollen.

Auch Beethovens Bagatellen op.119 und die späten Klavierstücke von Brahms haben diese Tiefe, diesem Reichtum der Dimensionen. Man hört weiter hinein in die Musik, kann auch in großer Entfernung noch einzelne Stimmen verfolgen und verliert mit Sokolov doch nie die Orientierung, weiß, was wichtig ist und was nachrangig. Sokolov versenkt sich so sehr in diese Spätwerke, dass sie ihm vielleicht eine Spur zu ernst, zu verschlossen geraten. Dabei haben sich Beethoven und Brahms im Alter, jeder auf seine Weise, erlaubt, es ruhiger und lässiger anzugehen: Beethoven, indem er seine Einfälle eher ausbreitet als verarbeitet, Brahms, indem er so tut, als improvisiere er. Schlendrian müsste Sokolov erst noch lernen.

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