Premiere in den Kammerspielen: Glück ist ein schwarzer Vogel

Premiere in den Kammerspielen : Glück ist ein schwarzer Vogel

Fritz Katers Stück „Love you, dragonfly“ in den Kammerspielen Bad Godesberg rauscht am Publikum vorbei. Das liegt an Fritz Katers bedeutungsvoll hochgejazzter Sprache, die einen paradoxen Effekt hat: Sie erlaubt es den Schauspielern zwar, zu glänzen, aber den Zuschauer fasst sie nicht an.

Ja, ist denn schon Winter? Die erste Szene von Fritz Katers Stück „Love you, dragonfly“ in den Kammerspielen entführt das Publikum ins Russland des Jahres 1935. Es ist kalt. Mareike Hein verkörpert Maria, eine junge Frau auf Skiern, deren Beziehung mit dem sprunghaften Hermann (Sören Wunderlich) offenbar eine krisenhafte Phase durchlebt. Die Zweisamkeit wird auf Cora Sallers Bühne, die durch eine sichelförmige Sitzbank auf schiefer Ebene dominiert wird, wortreich verhandelt.

Fritz Kater gehört als Dramatiker zu den produktivsten Stückelieferanten des deutschen Theaterbetriebs. Unter seinem bürgerlichen Namen Armin Petras hat er als Intendant Karriere gemacht hat – von 2006 bis 2013 leitete er das Maxim-Gorki-Theater in Berlin, seit 2013 bestimmt er die Geschicke des Staatstheaters Stuttgart. In seinem fürs Bonner Theater geschriebenen Text, Untertitel: „Versuche zur Sprache des Glaubens“, artikulieren sich die fünf auftretenden Figuren abwechselnd monologisch, dialogisch und mit der Stimme eines Erzählers. Das erzeugt wenig Nähe, aber ganz viel Distanz. Dem Zuschauer ist es kaum möglich, eine Beziehung zu den Menschen auf der Bühne aufzubauen.

Immer wieder regnet es in den Kammerspielen Buchstaben, aus ihnen entstehen die Motti des Abends: Liebe, Familie, Gott, Freiheit, Fortschritt, Leben. In der ersten Szene, die 1935 einsetzt und zum Schluss des knapp dreistündigen Abends (einschließlich Pause) im Jahr 1941 endet, geht es um die Liebe. Vor allem um Liebesleid. Das beglaubigt Mareike Hein mit einer zu Herzen gehenden Intensität: leuchtend und hoffend, resigniert und allmählich erlöschend. Da hat sie den Glauben an die Liebe fast schon verloren. Sören Wunderlich als Hermann ist ihr dabei der perfekte, hallodrihafte Begleiter. Der junge Wissenschaftler bricht nach Sibirien auf, um dem Sozialismus und dem „großen Lenker“ zu dienen. Birte Schrein ist Nora, an die sich Hermann ranmacht. Nora sagt den schönsten Satz des Abends: „Glück ist ein schwarzer Vogel. Er glänzt in der Sonne, und er krepiert auf der Straße.“

Danach geht es ins Jahr 2014. Ein Professor (Holger Kraft) besucht seinen Adoptivsohn afrikanischer Herkunft (Lena Geyer) im Gefängnis im Bremen. Der junge Mann ist zum Mörder geworden. Die Episode mit Kraft, Geyer und Birte Schrein rauscht am Publikum vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen. Das liegt an Fritz Katers bedeutungsvoll hochgejazzter Sprache, die einen paradoxen Effekt hat: Sie erlaubt es den Schauspielern zwar, zu glänzen, aber den Zuschauer fasst sie nicht an. Er wird Zeuge einer im Kern leeren, leblosen und selbstverliebten Virtuosität.

Diese Art von Prosa hat Konjunktur im Bonner Theater, erinnert sei an die Uraufführung von „Massiver Kuss“ in der Werkstatt. Fritz Katers Inspirationsquellen sind übrigens der Historiker Leonid Arbusow, der Autor Tschingis Aitmatow und die Dramatikerkollegen Georges Bernanos, Heiner Müller und Heinrich von Kleist. Ein weites Feld für philologische Spurenleser.

Regisseurin Alice Buddeberg macht alles richtig, sie lässt das Ensemble brillieren. Holger Kraft absolviert einen Bühnenmonolog, für den das Premierenpublikum zu Recht Szenenapplaus spendete. Wir treffen Krafts Figur im Jahr 2018 an, einen Studenten, der den amerikanischen Traum vom „Selfmademan“ verwirklicht und dabei, so will es der Autor, Geschlechter und andere Grenzen überwindet. Er wird zur Frau.

Kraft – der Name ist Programm – liefert ein atemberaubendes Solo. Dieser Robert, aus dem später Roberta wird, ist geboren, um Probleme zu lösen. Erfolge feiert er mit Ami-Sieger-Motorik, Niederlagen mit Gesten der Verzweiflung. Immer wieder erfindet er sich neu, seine Metamorphosen vollzieht Kraft vor den Augen des Publikums nach – bis zum Anschrauben weiblicher Brüste. Solch eine schweißtreibende Tour de force hat man lange nicht im Theater gesehen. Sensationell, wenn sich diese Energie in einem weniger künstlichen Rahmen entfalten könnte.

Danach ist Pause. Zu Beginn der zweiten Halbzeit finden wir uns im Jahr 1969 wieder. Ein 13-jähriges Mädchen flüchtet vor einem sintflutartigen Regen in die Arme eines Alkoholikers und später in den nahe gelegenen Weiher. Soweit Fritz Katers Zusammenfassung. Sören Wunderlich in Rock und Bluse erzählt als M. die Geschichte von Vergewaltigung und Selbstmord mit sanftem Ton, der monologische Vortrag erscheint dank seiner stilisierten Form wie ein Bild hinter Milchglas: unzugänglich und ungreifbar.

Im Anschluss reist die Inszenierung nach Budapest (1986), an die deutsch-deutsche Grenze in Berlin (1987/88) und landet schließlich in Russland zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Wieder Paarkonstellationen, wieder Beziehungschaos und hermetische Sprachbilder, die auch schon einmal vierstimmig zugereicht werden. Der Eindruck drängt sich auf, das werde nie enden. Man kennt das vom Langstreckenlauf. Die letzten Kilometer sind immer die schwersten. Katers Dragonfly, auf Deutsch: Libelle, quält sich schließlich doch über die Ziellinie. Die letzten Worte lauten : „Und die Stille fiel aus den Fenstern.“ In den Kammerspielen wurde es aber noch laut. Das Publikum mobilisierte Energiereserven, um den fünf Schauspielern für ihre starke Leistung zu danken.

Die nächsten Aufführungen: 21. und 27. Oktober, 5. und 11. November. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.

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