Gipfeltreffen in der Bundeskunsthalle Bonn

Gipfeltreffen in der Bundeskunsthalle Bonn

Die Bundeskunsthalle vereint drei Künstler in einer großartigen Schau: 175 Bilder von Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat und Francesco Clemente.

Klirrende Kälte, das Immunsystem ist im Keller. Da kommt der Energie-Cocktail, den die Bundeskunsthalle unter dem Titel "Ménage à trois" serviert, gerade recht: Malerei pur, heftige Auseinandersetzung auf höchstem Niveau, ein Gipfeltreffen der Extraklasse. Mit Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat und Francesco Clemente tritt ein Trio auf, an dem, zumindest in den 80er Jahren kein Weg vorbei führte. Die Bundeskunsthalle lädt ein zur Zeitreise - direkt zum Anfang des Jahrzehnts. Es geht nach New York. Und so sieht damals die Situation aus: Die Pop-Art ist in die Jahre gekommen, Warhols Systemkritik schmeckt schal, die "Factroy" des Meisters brummt - und die Kunstkritik hasst und verachtet Meister Andy.

Weiße Räume, weiße Bilder, weiße Menschen, weißer Wein, klagt ein Zeitzeuge, gelangweilt von der Kunstszene in New York. Dann tritt ein junger Wilder auf. Schwarz, impulsiv, frech, aggressiv, einer, der Graffiti, die Kunst der Straße, beherrscht und mit einer faszinierenden Intellektualität verbindet: Basquiat mischt die Szene auf, malt in den wenigen Jahren, die ihm bis zur Überdosis mit 27 bleiben, rund tausend Gemälde und unzählige Zeichnungen.

Und noch einer drängt in die New Yorker Szene: Clemente, der sanfte Poet und sinnliche Erotiker mit fernöstlichem Background, in Europa als Protagonist der "Transavanguardia" Impulsgeber für die Neuen Wilden. Der zieht mit Frau und Kindern nach New York. Was Basquiat und Clemente verbindet? Beide verehren Warhol, der überhaupt in Künstler-, Musiker- und Cineastenkreisen nach wie vor als Instanz gilt.

Wie wird aus drei großartigen Künstlern ein Trio? Die Initiative ging von dem Zürcher Galeristen und Sammler Bruno Bischofsberger aus. Er gewann die Drei 1983 für ein außergewöhnliches Projekt: Jeder bekam vier Leinwände, ein Papier und die Vorgabe etwas zu malen und die Werke an einen der beider Kollegen zu schicken, der wiederum seinen künstlerischen Kommentar dazu setzt und sie weiterschickt. "Collaborations" heißt diese bemerkenswerte Serie, bei der sich die Drei die Bälle zuspielen, Warhol (damals 55) plötzlich wieder zum Maler wird, Basquiat (23) Warhols Logo-Kunst hintertreibt, Clemente (31) seine somnambulen Figuren einfügt.

Die Bundeskunsthalle stellt in ihrer mit 175 Bildern üppig ausgestatteten Ausstellung die "Collaborations" in den Mittelpunkt, zeigt aber auch die spannenden Gemeinschaftswerke von Basquiat und Warhol sowie Basquiat und Clemente. Fürs Zeitkolorit gibt es Musik von Morton Feldman, der Gruppe Gray, der auch Basquiat angehörte, und der Kultband The Velvet Underground. In dieser Schau greift wirklich ein Rad ins andere, eröffnet sich ein Panorama geballter Kreativität.

Als Bonbon präsentiert die Bonner Ausstellung zusätzlich zu den Gemeinschaftsarbeiten je eine Soloschau von Warhol, Basquiat und Clemente. Jeder ist mit repräsentativen Arbeiten vertreten. Warhols Campbell's Suppendose, sein Mao, die doppelte Mona Lisa und Jackie, aber auch ein düsteres Kreuzbild aus den frühen 80er Jahren gehören zu den Ikonen des Meisters. Weniger bekannt sind seine Kinderspielzeug-Bilder, die die Kuratoren Susanne Kleine und Dieter Buchhart in einen Raum mit Fischtapete gehängt haben, sowie die verschatteten Herz-Bilder.

Hier knüpfen Basquiats Anatomie-Gemälde an, die dichten, anspielungsreichen Graffitis. Starke Farben, aggressive Figuren, wilde Kritzeleien charakterisieren den Anarcho-Stil des jungen Malers. Größer konnte der Kontrast zu Warhols damals erstarrter Pop-Art oder zu den wunderbar zarten, poetischen Pastellen und Aquarellen, den glutäugigen Schönheiten Clementes nicht sein.

Diese drei so unterschiedlichen Künstler 1983 zusammengebracht zu haben, ist ein Coup der Kunstgeschichte, die Drei jetzt in Bonn zu sehen, ein seltener Glücksfall.

Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4; bis 20. Mai. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19. Katalog 29 Euro

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