Gewalt im Versuchskäfig

Volker Lösch inszeniert Sarah Kanes Gewaltparaphrase "Zerbombt" in der Bonner Werkstatt

Bonn. Am Ende erteilt der Soldat seinem Opfer, dem Journalisten Ian, eine Lehrstunde. Detailliert erzählt er von den Gräueltaten, die er im Krieg begangen hat, und bittet flehentlich, darüber zu berichten: "Zu haus bin ich sauber / als wärs nie passiert / erzähl ihnen / dass du mich gesehen hast." Eine scheinbar unbezähmbare Gewaltlust, die Erlösung erst in ihrer Entlarvung durch den Berichterstatter finden kann.

Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung, das macht Sarah Kanes Stück "Zerbombt" unmissverständlich klar, durchzieht selbst die intimsten Formen menschlichen Zusammenlebens. Krieg ist dabei nur die Fortsetzung der zwischenmenschlichen Gewalt mit technisierten Mitteln.

Dieses Paradigma, das in hochzivilisierten Gesellschaften ungern diskutiert wird, schlägt die junge britische Dramatikerin aus zwei knappen, naturalistisch ausgeschriebenen Szenen.

Ian trifft sich mit seiner früheren Freundin Cate in einem eleganten Hotelzimmer. Der kranke Journalist zerstört sich mit Alkohol und Zigaretten systematisch selbst; als Cate sich weigert, mit ihm zu schlafen, vergewaltigt er sie.

In der folgenden Szene dringt ein Soldat ins Zimmer, dessen Freundin im Krieg bestialisch ermordet worden ist; dafür nimmt er nun Rache an Ian: er demütigt ihn, vergewaltigt ihn und saugt ihm die Augäpfel aus und bringt sich schließlich selbst um. Cate kehrt mit einem toten Baby zurück, das Ian später aufisst, bevor er stirbt.

"Zerbombt" hat Teil an dem Problem, das es beschreibt. Wie schon die antiken Dramen inszeniert das Stück Gewalt, um sie auszutreiben - und stellt damit jeden Regisseur vor die Grundfrage, wie das Grauen der Gewalt darzustellen ist, ohne sie zum Fetisch zu machen.

Völker Löschs Inszenierung in der Bonner Werkstatt wählt den Weg der Formalisierung. Die Regie hat dem Stück jeden Naturalismus ausgetrieben. Mal sind Cate und Ian zu einem Pietà-Bild verschlungen; dann wieder sitzt sie auf seinem Schoß und berichtet von ihrem neuen Job; stopft Ian sich zum Zeichen seiner Sucht Zigaretten in den Mund, wiegt Cate hospitalistisch ihren Oberkörper hin und her; und während er auf dem Bett einen Artikel repetiert, gleitet sie tranceartig stumm immer wieder zu Boden.

In Carola Reuthers klinisch weißem Bühnenraum, der mit Bett, Tisch und Stühlen, Toilette, Kühlschrank und Dusche den Charakter eines Versuchskäfigs trägt, destilliert die Regie aus der Begegnung der beiden Figuren einen veritablen Kanon an Rohformen gewaltsamer Intimität. Die Rollen wechseln ständig; vom Kindchen bis zur Rächerin bei Cate, vom reuigen Sünder bis zum Vergewaltiger von Nebenan bei Ian.

Mario Gremlich entwickelt dabei seine Metamorphosen aus einer bodenständigen, handfesten Grundfigur, deren Künstlichkeit sich eher im Gestischen niederschlägt; Birte Schrein als Cate dagegen mimt die naive Kleinbürger-Barbiepuppe mit künstlich hochgezogener Stimme, Tippelschritt und forciertem Grimassieren.

Mit dem Auftritt Roland Riebelings als milchgesichtiger Soldat im Kampfanzug kehrt sich das Verhältnis um; brutal zwingt er Ian in die Rolle des Opfers, der mal als Vertrauter fungiert, mal ängstlich schlottert, bis er vergewaltigt und geblendet wird. Das kannibalistische Schlussbild hat die Regie zugunsten einer stummen Szene gestrichen; Cate und der geblendete Ian sitzen sich schweigend am Tisch gegenüber.

Volker Löschs Inszenierung sucht eine Balance zwischen kritischer Beobachtung und drastischer Unmittelbarkeit. Zwar gelingen immer wieder berührende Bilder, doch Sarah Kanes drastischer Naturalismus geht nicht widerstandslos in dem formalisierten Konzept auf.

Als entscheidender Stolperstein allerdings erweist sich die extreme Künstlichkeit der Cate; Birte Schrein spielt dies zwar konsequent, doch die Figur verliert an Glaubwürdigkeit und Unmittelbarkeit; gerade die wäre hier vonnöten. So bleibt die gedanklich stimmige Inszenierung leider auf halben Weg stecken.

Die nächsten Aufführungen: 30. April, 4., 7. und 8. Mai; Karten: unter anderem in den Geschäftsstellen des General-Anzeigers.