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Reise zur Gartenkunst: Fürstlicher Garten-Freak

Reise zur Gartenkunst : Fürstlicher Garten-Freak

Eine Reise zu den Pückler-Parkanlagen nach Bad Muskau, Branitz und Babelsberg als Ergänzung zur Pückler-Ausstellung "Parkomanie" in der Bundeskunsthalle und auf dem Dachgarten.

Von Dresden aus geht es endlose 120 Kilometer nach Nordosten. Schnurgerade Straßen, die durch dichte Wälder führen, die an militärische Sperrgebiete erinnern. Ab und zu eine Lichtung in der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft. Verschlafene, augenscheinlich entvölkerte Örtchen am Rande. Die Dörfer heißen hier Crostwitz, Räckelwitz und Königswartha. Bei Krauschwitz haben wir unser Ziel fast erreicht: Bad Muskau, ein picobello mit Aufbau-Ost-Mitteln aufgehübschtes Örtchen ohne einen Funken Atmosphäre. Leben herrscht allenfalls jenseits der Brücke über die Lausitzer Neiße, wenn man den rot-weißen Grenzpfosten passiert hat: Da liegt der wuselige Polenmarkt, auf dem die Stange Marlboro knapp die Hälfte kostet, T-Shirts und Pelzjacken erschwinglich sind. Autozubehör bekommt man fast geschenkt.

Doch die Touristen kommen nicht wegen des Polenmarkts nach Bad Muskau, sondern wegen des Muskauer Parks, den Fürst Pückler ab 1815 als riesigen Landschaftsgarten anlegen ließ. Heute ist das Areal Unesco-Weltkulturerbe, das einzige Projekt, das von Deutschland und Polen gemeinsam betreut wird. Man kann Tage durch diesen mit akkurat komponierten Lichtungen und Baumgruppen garnierten, von mäandernden Wasserläufen und wunderbaren Blickachsen durchzogenen Park spazieren oder sich mit dem Pferdegespann kutschieren lassen. In der Bundeskunsthalle, die in ihrer aktuellen Ausstellung und auf dem Dachgarten Pücklers „Parkomanie“ auf den Grund geht und die drei großen Gartenprojekte des Fürsten in Bad Muskau, Branitz bei Cottbus und Babelsberg unweit von Potsdam dokumentiert, ist man schneller durch.

Man erfährt, wie Pückler seine Anregungen aus England, später auch aus dem Orient in seine Parkkonzepte einbaute, wie geschickt und halsbrecherisch er seine Projekte umsetzte, bekommt einen Eindruck, wie Pückler seine Gärten orchestrierte: mit bunten „Pleasuregrounds“ in Schlossnähe, raffinierten Uferlinien und Wegenetzen, markanten Baumsolitären und fein schwindenden Waldrändern. 30 000 Besucher haben die Ausstellung bislang gesehen, 49 000 haben Pücklers „Parkomanie“ auf dem Dach bewundert.

In der Bundeskunsthalle werden schöne Eindrücke vermittelt, etwas graue Theorie ist auch dabei. Das richtige Erlebnis aber kann man nur vor Ort haben. Gartenkunst ist physisches Erleben. Mindestens drei Tage sollte man sich gönnen, um von Pücklers „Parkomanie“ infiziert zu werden.

Muskau ist mit 830 Hektar der größte der drei Parks, eine Anlage, die im Zweiten Weltkrieg stark gelitten hat, dann als Niemandsland zum Teil verwilderte. Der deutsche Teil stand aber schon 1955 unter Denkmalschutz. Seit 1988 begriffen Polen und Deutschland die Restaurierung des Parks als gemeinsame Aufgabe. Die gesamte Anlage trägt die Handschrift von Pückler und seiner Frau Lucy, die während der langen Reisen des Gatten die Regie im Park hatte.

Das prächtige Neorenaissance-Schloss am Parkeingang stammt nicht aus Pücklers Zeit. Pückler hatte einen Bau aus dem 17. Jahrhundert übernommen, den er nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel durch eine „Muskauer Akropolis“ ersetzen lassen wollte. Nur die Schlossrampe wurde realisiert. Pückler hatte sich finanziell übernommen. 1845 musste er Schloss und Park verkaufen. Nach dem Grafen von Nostritz und von Hatzfeld wurde Prinz Friedrich der Niederlande Besitzer. Letzterer gab dem Schloss die Neorenaissance-Gestalt. Anbauten und die markante altrosa Farbe kamen während der Ära des Grafen von Arnim hinzu. Das Schloss beherbergt eine originelle Ausstellung zu Fürst Pückler für die ganze Familie.

Wer näher an Pückler und seine Zeit rücken will, wird eher im Schloss von Branitz fündig. Dorthin war der Fürst nach dem gescheiterten Muskau-Abenteuer 1845 als 60-Jähriger gezogen. Dort blieb er bis zu seinem Tod 1871. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie Pückler enteignet, Park und Schloss gingen in Volkseigentum über.

Seit 1995 wird das Areal von einer kommunalen Stiftung wiederhergestellt und gepflegt. Pücklers Nachkommen trugen in den letzten Jahrzehnten das originale Inventar zusammen. Heute präsentiert sich das Barockschloss nahezu in dem Zustand, in dem der Lebemann, Abenteurer, Schöngeist und Garten-Freak Pückler darin wohnte: Sein Arbeitszimmer mit seiner genialischen Unordnung, sein eigenes, mit einem schwülen Frauenakt garniertes Schlafzimmer, das sehr freundliche der Gattin Lucie und die Gesellschaftsräume verströmen großbürgerliche Atmosphäre.

Von fast allen Fenstern aus erblickt der Besucher den Garten, Pücklers Meisterwerk. Intimer als Muskau, interessanter in der Wahl der Baum-Solitäre und im Wechselspiel von Baumgruppen und Lichtungen. Wer die Hauptattraktionen des Branitzer Parks erleben will, besteigt am besten eine Gondel und lässt sich zu den beiden Erdpyramiden fahren, die durch Pücklers Reisen nach Ägypten inspirierten Grabmäler für den Fürst und die Fürstin. Ohnehin lohnt in Branitz unbedingt eine Parkführung. Denn mehr als noch in Muskau folgt die Anlage einem inhaltlich-ikonografischen Konzept. Was Branitz mit Muskau verbindet, ist, dass Pücklers Garten-Logistik mit „Baumuniversitäten“, Ananas-Gewächshäusern, Beeten für Zier- und Nutzpflanzen für die Besucher erlebbar ist. Der Gartenfreund findet hier – auch in den wunderbar bepflanzten „Pleasuregrounds“ – viele Anregungen.

In Branitz hat sich Pückler verwirklicht, hat seine Biografie in die Parkgestaltung eingearbeitet. Der Park in Babelsberg war hingegen ein strategischer Akt, der gelungene Versuch, sich in höchsten preußischen Kreisen als Parkexperte ins Gespräch zu bringen – dabei sich en passant gegen den Bonner Peter Joseph Lenné, den tüchtigen General-Gartendirektor der königlich-preußischen Gärten zu profilieren. Mehr als das: Prinzessin Augusta, Gemahlin des Auftraggebers und späteren preußischen Königs und Kaisers Wilhelm I., nannte Pückler einen „Zauberer“. Und der versah seinen „Gartendienst“ mit viel Können und Fantasie.

Der Park, der mitten in den Havelseen bei Potsdam liegt, ist auch Unesco-Welterbe. Er wurde liebevoll saniert und rekonstruiert. Noch ist nicht alles in den Vorkriegszustand zurückversetzt. Doch Baumbestand, Beete und die sanfte Topografie bieten schon jetzt eine Natur-Bühne für das Babelsberger Schloss, das Karl Friedrich Schinkel und Kollegen im Stil der englischen Gotik bauten. Auch das Schloss wird gerade restauriert. Im kommenden Jahr soll es Teile der Bonner Pückler-Ausstellung präsentieren.