Eine Epoche im Zeitraffer: Fotografie der Weimarer Republik im LVR-Museum

Eine Epoche im Zeitraffer : Fotografie der Weimarer Republik im LVR-Museum

Das LVR-Landesmuseum bietet einen großartigen Überblick über Fotografie der Weimarer Republik. Dabei kommt allerlei Spannendes zutage.

Der Schriftsteller Alfred Döblin veröffentlichte 1929, im Jahr der verheerenden Weltwirtschaftskrise, nicht nur seinen wichtigsten Roman "Berlin Alexanderplatz", ein gewaltiges, düsteres Gesellschaftsgemälde und Psychogramm der Weimarer Republik. Er schrieb auch das kluge Vorwort zu der bedeutendsten Porträtsammlung seiner Zeit, August Sanders 60 wunderbare Bildnisse umfassendes Buch "Antlitz der Zeit". Döblin schreibt darin: "Wer blickt, wird rasch belehrt werden, besser als durch Vorträge und Theorien, durch diese klaren, schlagkräftigen Bilder und wird von den anderen und sich erfahren."

Geradezu zwangsläufig empfangen Döblins Zeilen den Besucher der großartigen Schau "Fotografie in der Weimarer Republik" im LVR-Landesmuseum Bonn. Kurator Lothar Altringer fährt zweigleisig, inszeniert in 14 Kapiteln ein 350 Originalfotografien zählendes, faszinierendes Zeitpanorama, lässt aber als Subtext an der Wand und in einem begleitenden Glossar historische Fakten und eine Fülle von Informationen mitlaufen. Es bleibt dem Besucher überlassen, ob er allein der Magie der Bilder folgt, oder in die politischen und gesellschaftlichen Details dieser eminent dichten, turbulenten, gewaltigen und gewalttätigen Jahre zwischen dem Ende des ersten Weltkriegs 1918 und der Machtergreifung der Nazis 1933 eintaucht. Beide Wege sind spannend, wobei die Bilder allein - folgt man Döblin - schon unglaublich aussagekräftig sind.

Das Medium boomt

Altringer konnte aus dem Vollen schöpfen, aus den umfangreichen eigenen Beständen des Hauses, aus dem Fundus der Deutschen Fotothek und der Stiftung F.C. Gundlach. Die großen Namen von Sander bis Albert Renger-Patzsch, Martin Munkácsi bis Erich Salomon, Willi Ruge und Yva sind dabei, man entdeckt aber auch viele unbekannte, hervorragende Fotografen, die im boomenden Medium reüssierten. Es ist die große Zeit der in riesigen Auflagen erscheinenden Illustrierten mit ihren Bilderstrecken und Fotoreportagen, der Zeitungen, die das Bild als tragenden Inhalt entdecken, der Mappenwerke und Bildbände, die zur Popularität des jungen Mediums beitragen. Suggestiv, nüchtern analysierend, aber auch als "maßlos gefährliche Waffe" (Kurt Tucholsky) tritt die Fotografie auf: "Parzellenweis rückt die Photographie nach vorn; sie erobert. Sieh in sie hinein: auch sie ist ein Spiegel deiner Zeit", schreibt Tucholsky.

Die Ausstellung startet mit einer fotografischen Bestandsaufnahme des Jahres 1918 mit Kriegsheimkehrern und dem Kaiser im Exil, mit der Ausrufung der Republik, mit Straßenkämpfen der Novemberrevolution und dem ermordeten Karl Liebknecht. Das ist die eine Seite. Silvester 1918 wird aber auch das im Zuge des Ersten Weltkriegs erlassene Tanzverbot aufgehoben: Die Republik schwoft und tobt vom "Slowfox zum Grotesktanz". So heißt auch das zweite Kapitel mit herrlichen Fotos einer entfesselten Gesellschaft.

Wunderschöne, großäugige Frauen, kernige Männer und an-drogyne Zwitterwesen bevölkern das spannende Kapitel "Porträt". In der folgenden Abteilung "Technik und Fortschritt" kann man nicht nur die Innovationen und mitunter bizarren Erfindungen jener Zeit sehen, auch das Medium Fotografie wagt das Experiment, rückt in ungewohnte Sphären vor. Die extremen Widersprüche jener Zeit dokumentiert "Glanz und Elend" mit Bildern vom mondänen Partyleben und der Tristesse am Rand der Gesellschaft.

Dass hier viel sozialer Sprengstoff lauert, wird im eminent spannenden Kapitel "Das Ringen um die Republik" mit ergreifenden Fotodokumenten deutlich: Unruhen im Ruhrgebiet, der Kapp-Putsch, rebellierende Hitler-Anhänger, die die Demokratie stürzen wollen.

Im originellen Kapitel "Fotografierte Kamera" werden das Medium selbst und die in abenteuerlichen Posen arbeitenden Fotografen zum Motiv. Dann geht es zur Mode der Goldenen Zwanziger mit hinreißenden Modellen und gewagten Kreationen. Mag die Welt auch ein Pulverfass sein, der Glamour jener hitziger Jahre lässt es fast vergessen.

So wie sich die Reichen und Schönen in Illustrierten spreizen, präsentiert sich auch das Proletariat selbstbewusst mit einer eigenen nicht selten hochpathetischen und politisch aufgeladenen Arbeiterfotografie. Auch die Arbeit selbst wird in dieser fortschrittsgläubigen (zumindest bis zum Crash von 1929) Gesellschaft zum Motiv. Sanders "Lackarbeiter" präsentiert sich stolz wie Oskar, Herbert Hoffmann fotografiert eine fröhliche Taxifahrerin 1930 in Berlin.

Die Kunst- und Architekturfotografie des Bauhauses, der Neuen Sachlichkeit, des Surrealismus und der Dada-Bewegung ist exzellent dokumentiert: Hier werden die Grenzen des Mediums ausgereizt. Die hervorragende Ausstellung endet mit dem Kapitel Sport: Auch hier darf der Fotograf zeigen, was er drauf hat: Menschen und Bälle im freien Flug, Motorräder in voller Fahrt. Es ist eine durch und durch rasante Zeit.

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