Bonner Chorleiter nimmt Abschied: Finale mit Leonard Bernstein

Bonner Chorleiter nimmt Abschied : Finale mit Leonard Bernstein

Thomas Neuhoff, 33 Jahre lang Chordirektor des Philharmonischen Chores der Stadt Bonn, nimmt Abschied. Als Musiker abtauchen wird Neuhoff nach seinem Abschied freilich nicht.

Das große Finale, mit dem Chordirektor Thomas Neuhoff nach 33 Jahren als Chordirektor des Philharmonischen Chores der Stadt Bonn seinen Abschied nimmt, wird vielleicht tränenreich. Ganz sicher aber wird es spektakulär. Denn auf dem Programm des Konzertes am 10. Mai in der Kölner Philharmonie steht Leonard Bernsteins fast zweistündige, riesig besetzte „Mass“, die keine Messe im eigentlichen Sinne ist. Der katholische Ritus dient in Bernsteins zeitkritischem Werk als Rahmen für eine Bühnenhandlung, die den aufkommenden Glaubenszweifel von Priester und Gemeinde behandelt.

Für die Realisierung der Aufführung braucht es noch das Gürzenich-Orchester, weitere Chöre und Solisten. Die bereits ausverkaufte Aufführung markiert zugleich den Abschluss des Acht-Brücken-Festivals.

Der prominente Platz für das Abschiedskonzert des 1957 in Bonn geborenen Kirchenmusikers ist der folgerichtige Höhepunkt einer Entwicklung, die 1982 ihren Anfang nahm. 25 Jahre alt war der junge Musiker damals, hatte gerade sein Chorleiterstudium absolviert. „Ich habe als Korrepetitor angefangen, wurde aber ganz schnell auch mit Einstudierungsaufgaben betraut.“ Unter anderem fürs Beethovenfest 1983.

Damals habe sich der Chor in einer Umbruchphase befunden, erinnert sich Neuhoff. Der frühere Bonner Generalmusikdirektor Volker Wangenheim, dessen Schüler der junge Musiker gewesen war, hatte die Proben im Unterschied zu seinen Nachfolgern meistens noch selber geleitet. Deshalb sollte möglichst bald ein Chorleiter berufen werden. Nach einigem Zögern rangen sich Bonner Kulturpolitik und -verwaltung schließlich dazu durch, dem jungen Korrepetitor eine Chance zu geben. 1984 unterschrieb er seinen Vertrag.

Neuhoff wusste freilich, dass er einiges würde verändern müssen, um dem Chor eine Zukunftsperspektive zu geben. Zunächst einmal im Chor selbst. Gustav Kuhn, der 1983 bis 1985 als Generalmusikdirektor in Bonn wirkte, habe ihm gesagt, eine weitere Zusammenarbeit von Chor und Orchester käme nur dann infrage, „wenn du mir den Chor deutlich besser machst“. Für Neuhoff, der seine musikalischen Kenntnisse unter anderem bei John Eliot Gardiner und Helmuth Rilling vertiefte, war dies ein Ansporn. „Wir haben dann sehr lange zwei Mal pro Woche geprobt, um die Qualität zu steigern.“ Der Neue hatte zunächst einmal Basisarbeit zu leisten.

Stimmbildung hatte es bislang nicht gegeben, und wenn Neuhoff in Proben verlangte, dass im Stehen gesungen werden soll, gab es Sänger, die sich weigerten. „Es gibt noch eine Handvoll Mitglieder aus der Zeit im Chor, die wissen, wie stark der Chor sich verändert hat“, sagt Neuhoff. „Heute bemühen wir uns, mit semiprofessionellem Anstrich zu singen“, was angesichts der Verpflichtungen in den vergangen Jahren fast zu bescheiden wirkt. Erst im vergangen Jahr war der „Phil Chor“ eingeladen worden, bei den Aufführungen von Beethovens „Neunter“ mit dem Philharmonia Orchestra aus London unter Leitung von Christoph von Dohnányi in Dortmund und Köln mitzuwirken.

Ein Jahr zuvor war man mit diesem Weltklasseorchester zum Musikfestival Luzern gereist. Am Dirigierpult: Esa-Pekka Salonen. „Das waren Höhepunkte in meinem Leben, mit solchen Dirigenten zusammenzuarbeiten und von denen gesagt zu kriegen: 'Ihr Chor hat das richtig gut gemacht!'“ In Bonn arbeitet der Chor regelmäßig mit dem Beethoven Orchester zusammen, zuletzt für das Karfreitagskonzert unter Leitung von Marc Soustrot, bei dem unter anderem Francis Poulencs „Stabat mater“ auf dem Programm stand. Ein schweres Stück, das parallel zu Bernstein „Mass“ einstudiert werden musste.

Das geht freilich nur, wenn der Chor hoch motiviert ist. Es ist keine geringe Leistung, dass Neuhoff, es über drei Jahrzehnte lang gelungen ist, die Sängerinnen und Sänger zu begeistern. Auch wenn die meisten im Berufsleben stehen, ist es immer wieder möglich, vor Aufführungen sogar morgens gemeinsame Proben mit dem Orchester zu terminieren.

Allerdings sind Neuhoff und der Philharmonische Chor nicht nur Zulieferer, sondern haben sich seit den 80er Jahren auch mit einem eigenen Programm profiliert. Die großen Oratorien von Edward Elgar zählen dazu, von Benjamin Britten „A Ceremony of Carols“ oder „Noah und die Flut“. Das englische Repertoire hat Neuhoff immer stark fasziniert. Aber auch Franz Schmidts „Das Buch mit sieben Siegeln“ oder Gustav Mahlers „Das klagende Lied“ sind Projekte gewesen, an die er gern zurückdenkt. In dieses Profil passt nun auch das letzte Konzert hinein, das er mit dem Philharmonischen Chor in Köln macht.

In Bonn verabschiedet sich Neuhoff übrigens mit einer Einführungsveranstaltung zu diesem Ereignis am kommenden Sonntag, 11 Uhr, im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses. Es handelt sich um ein Bernstein gewidmetes Porträtkonzert, das unter dem Motto „I Hate Music, but I like to Sing“ steht.

Als Musiker abtauchen wird Neuhoff nach seinem Abschied freilich nicht. Als Kirchenmusikdirektor leitet der 59-Jährige weiterhin die Auerberger Kantorei und ist zudem Chordirektor des Kölner Bach-Vereins. „Das hat für mich Perspektive. Auch wegen des Konzertsaales. Hier in Bonn ist das mit der Baustelle Beethovenhalle und der Interimslösung nicht so sehr der Fall.“ Außerdem will er mehr als Kammermusiker und Liedbegleiter arbeiten. Zum Beispiel beim Schumannfest, wo er in diesem Jahr die Sopranistin Moica Erdmann begleiten wird.