Erinnerungstheater mit Hauptmanns "Die Weber" in den Kammerspielen

Erinnerungstheater mit Hauptmanns "Die Weber" in den Kammerspielen

Für Karl Marx war der Aufstand der schlesischen Weber 1844 die erste kräftige Regung des deutschen Proletariats. Bittere Armut trieb sie an, aber auch der Hunger nach Gerechtigkeit, nach angemessenem Lohn für ihre Arbeit.

Zwischen bürgerlicher und sozialistischer Interpretation siedelt das Erinnerungstheater e.V. in der klugen Regie von Simona Furlani seine neue Inszenierung "Die Weber" nach Ger?hart Hauptmann an. Das 1893 uraufgeführte "Umsturzdrama" erhält hier eine neue Wirklichkeitsdimension durch geschickt eingebaute autobiografische Passagen der überwiegend älteren Mitwirkenden.

Begleitet wird der 70-minütige, straff geführte Bilderreigen von Jürgen Hidding am Akkordeon. Mit dokumentarischen Texten zum Weberaufstand holen die Schauspieler die Zuschauer ab in den Bühnenraum im Kammerspiel-Foyer. Ein Webstuhl markiert die Seite des materiellen Elends, schicke Sessel und Rotweingläser illustrieren die Villa des Fabrikanten Dreißiger (eindrucksvoll als mitleidloser Geschäftsmann: Wolfgang Dittrich).

Fürs brutale Abwimmeln der Armen sorgt sein Expedient Pfeifer (Erich Landgraf). Eine bewegende Studie der Hilflosigkeit liefert Thea Kämpgen als alte Frau Hilse, deren gottesfürchtiger Mann (Harald Sturm) mit dem Aufstand nichts zu tun haben will und erstes Opfer der militärischen Niederschlagung wird.

Einen Farbtupfer ins triste Grau der proletarischen Masse (historische Kostüme: Ursula Brückner) bringt der junge Oliver Ewy, der als Reservist Moritz das "Weberlied" anstimmt und zum Klassenkampf aufruft. Als Klassenkämpferin geriert sich auch Ursula Klein in der Rolle der Tischlerin Wiegand und als couragierte Hilse-Tochter Luise mit rotem Stirnband, die schließlich zur Flinte greift.

Dreißigers Haus wird gestürmt, was aber nur ein paar Gläser und Tassen dran glauben lässt. Als Hilses Enkelin Mielchen und als reizende, blonde Gastwirtstochter macht Annette Arndt gute Figur zum bösen Spiel.

In der Welzelschen Kneipe (an der Theke: Wolfgang Adrian und Mechthild Hammerschmidt) fließen Bier und Widerstandsparolen, bis der braven Frau Heinrich (Zofa Ahrens) angst und bange wird.

Das bühnenerfahrene Ensemble agiert auch im Hintergrund immer animiert und lässt jenseits der Rollen Persönlichkeiten aufscheinen, die Zustände nicht einfach hinnehmen, sondern mit den Mitteln des Theaters tapfer eine Behauptung aufstellen: Verteilungsgerechtigkeit ist möglich. Zu Anfang fragt freilich einer: "Wo bleibt die Realität?" Sie ist da in den klassischen Formen des friedlichen Protests, mit denen das so genannte "Wutbürgertum" des 21.Jahrhunderts rebelliert gegen den Zynismus von Politik und Wirtschaft. Überzeugter Beifall bei der ausverkauften Premiere.

Nächste Vorstellungen am 4.März um 18.00 Uhr und am 12./14.März um 19.30 Uhr. Karten bei allen bekannten Vorverkaufsstellen von Theater Bonn, u. a. bei allen Geschäftsstellen des GA.