"Hart auf hart" - T.C. Boyle: Eine Welt voller Feinde

"Hart auf hart" - T.C. Boyle : Eine Welt voller Feinde

T.C. Boyle legt mit "Hart auf hart" einen packenden neuen Roman vor.

Einmal Marine, immer Marine. Auch mit seinen 70 Jahren kann Vietnam-Veteran Sten immer noch auf seine In- stinkte bauen. Als seine Reisegruppe mitten im Dschungel von Costa Rica ausgeraubt werden soll, nimmt er einen der jugendlichen Gangster so gekonnt in den Schwitzkasten, dass dieser nicht überlebt. Die anderen Gangster fliehen, und Sten wird an Bord und wieder daheim in den USA, im nördlichen Kalifornien, als Held gefeiert.

Mit diesem verschwitzt-packenden Auftakt setzt T.C. Boyle den Energielevel für seinen neuen Roman "Hart auf hart", der heute erscheint, hoch an. Persönliche Selbstbestimmung ist der rote Faden, um den herum der 66-jährige Bestseller-Autor ("Wassermusik", zuletzt "San Miguel") seine Geschichte spinnt - und diese Selbstbestimmtheit wird von den drei Hauptfiguren auf sehr individuelle Weise interpretiert und ausgelebt.

Die 40-jährige Sara fühlt sich dem "Souvereign Citizens Movement" zugehörig, einer losen Gruppierung, die sich weigert, den Staat als Macht anzuerkennen. Ganz banal trägt sie keinen Sicherheitsgurt beim Autofahren, zeigt Polizisten ihren Führerschein nicht. Ein wenig naiv, ein wenig verpeilt, aber auf jeden Fall äußerst halsstarrig. Irgendwann trifft sie auf Adam, in dem sie einen ähnlich gestimmten Freigeist vermutet. Weit gefehlt.

Adam ist Stens Sohn, Ende 20, drogen- und alkoholabhängig, seinen Eltern seit langem entglitten, ein Waffennarr - und schizophren. Er hört Stimmen, fühlt sich verfolgt, mal von Chinesen, mal von Aliens. Sein Vorbild ist der legendäre Trapper John Colter, eine US-Western-Legende. Wie dieser will Adam im Wald leben. Und wie der Fallensteller Colter gegen die Indianer kämpfte, legt sich Adam mit der ganzen Zivilisation an, wird zum Amokschützen, der von sämtlichen Polizisten des Countys gejagt wird.

Boyles packender Roman basiert - wieder einmal - auf einer wahren Begebenheit, die Geschichte des paranoiden Schützen hat er aus der Zeitung. Doch sie dient ihm als Vehikel, um seine Abneigung gegen Waffen einmal mehr zum Ausdruck zu bringen. Boyle verpasst der Ordnungsmacht über den Umweg seiner Charaktere auch schon mal eine verbale Abreibung, wenn er sie als "Idioten", "Dummköpfe" oder "Doritos mampfende Pfadfinder" bezeichnet. Doch Boyle beherrscht auch die leisen Töne, die erklingen, wenn er über Saras Einsamkeit schreibt - oder über den Kampf, den Sten und seine Frau Coralee gegen die drohende Trostlosigkeit des Rentnerdaseins ausfechten. "Und was war Golf denn anderes als eine Methode, die Verzweiflung auf Distanz zu halten?" Auch wenn T.C. Boyle in vier Jahren selbst 70 wird - zum Golfplatz wird ihn sicherlich nichts ziehen.

T.C. Boyle: Hart auf hart. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, 400 S., 22,90 Euro

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