Käthe Kollwitz Museum in Köln: Eindrucksvolle Schau über den Berliner Realismus

Käthe Kollwitz Museum in Köln : Eindrucksvolle Schau über den Berliner Realismus

Das Kölner Käthe Kollwitz Museum widmet sich in einer Ausstellung dem Berliner Realismus. Das Museum zeichnet mit einer veränderten Übernahme der Schau "Berliner Realismus. Von Käthe Kollwitz bis Otto Dix" aus dem Berliner Bröhan-Museum die Entwicklung der "Rinnsteinkunst" bis in die 1930er Jahre nach.

Der Deutsche Kaiser war entrüstet über die junge Kunst in seinem Reich: 1901 propagierte Willhelm II. bei der Eröffnung der Berliner Siegeshalle sein Bild einer Kunst, die erzieherisch auf das Volk einzuwirken habe und auch "unteren Ständen" die Möglichkeit gebe, sich an Idealen wieder aufzurichten. Ideale, die nicht ihre waren, sondern der oberen Stände, wären wohl etliche Kritiker zu entgegnen geneigt gewesen. Etwa Künstler der in der Berliner Sezession versammelten sogenannten Berliner Realisten. Für deren Malerei, Grafik und Fotografie hatte der Kaiser nur ein Wort übrig: "Rinnsteinkunst". So diffamierte er die frechen, politisch aufmüpfigen Werke von Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, Hans Baluschek und Co. Und diese waren selbstbewusst genug, die "Rinnsteinkunst" als neues Markenzeichen aufzunehmen. Links unten auf dem nichts beschönigenden Blatt "Im Arbeiterviertel" hat Zille "Rinnsteinkunst" geschrieben. Des Kaisers "Rinnsteinrede" schweißte eine Szene zusammen, die den Realismus eines Adolf Menzel unter dem Eindruck der boomenden Metropole mit ihren unglaublichen sozialen Missständen und einer zerrissenen Gesellschaft ins Politische gewendet hatte.

Das Kölner Käthe Kollwitz Museum - das in der vergangenen Woche mit 140 Leihgaben die erste französische Kollwitz-Monografie überhaupt mit Schirmherrn Emmanuel Macron in Straßburg ermöglicht hat - zeichnet mit einer veränderten Übernahme der Schau "Berliner Realismus. Von Käthe Kollwitz bis Otto Dix" aus dem Berliner Bröhan-Museum die Entwicklung dieser "Rinnsteinkunst" bis in die 1930er Jahre nach. Ferner dokumentiert sie die Politisierung, Radikalisierung, den Hang zur Satire und den Aufstieg der Fotografie als das Dokumentationsmedium der Stunde. Eine spannende, aufregende Ausstellung über eine rastlose, aggressive Zeit.

Baluschek, Zille und Kollwitz holen ihre Protagonisten buchstäblich am Werkstor ab, wo ihnen die Kinder die Lohntüte abnehmen, damit sie nicht gleich das Wochensalär versaufen. Sie sind in den engen Arbeiterhäusern dabei, im Mief der Wartezimmer der Armenärzte und in den Schlangen der Arbeitsämter. Sie teilen die Nöte der Entlassenen und Abgehängten, der Kranken, Sterbenden und Hinterbliebenen eines Lebenskampfs, der für etliche mit dem Suizid endet. Spätestens gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird das Schicksal der "kleinen Leute", des Großstadtproletariats, zum Thema.

Die Ausstellung zeigt deren Ringen im Kaiserreich, dann in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, die Dix zunächst als expressionistisches Schauspiel in einem fast abstrakten Farben- und Formenrausch interpretiert. 1922 wird er geläutert und vom Grauen des Krieges gezeichnet seine düstere Mappe "Tod und Auferstehung" zum Thema herausbringen. Kollege Willi Jaeckel hielt 1914-15 bereits alle Facetten des Krieges vom Erschießungstod bis zur Vergewaltigung fest.

Museum zeigt hervorragende Fotografien

Für die Menschen und die Kunst gab es in jener Zeit kein Ausruhen. Auf die traumatischen Kriegserfahrungen folgt die Revolution auf den Straßen. Kollwitz hält die ganze Dynamik jener Zeit in einem mit gestischem Kohlestrich aufgeladenen Blatt fest. Fürs Proletariat bringt die neue politische Situation nichts: Eindrucksvoll dokumentiert die Schau das Schicksal der Arbeiter einmal aus weiblicher, einmal aus männlicher Perspektive. Dann weitet sich der Fokus: Mit Filmen wie Zilles "Mutter Krausen's Fahrt ins Glück" (Mutter Krause nimmt ihr Kind mit in den Gastod) und "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?" (Drehbuch: Bert Brecht), mit der KPD-nahen A.I.Z (Arbeiter Illustrierte Zeitung, Auflage 200 000 im Jahr 1926) und der Gründung der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) und ihren Kulturprojekten gewinnt das soziale Thema eine breite Öffentlichkeit.

Das Museum zeigt hervorragende Fotografien von Adam Pisarek aus dem Berliner Ghetto, Arbeiterporträts von August Sander und Friedrich Seidenstücker, wunderbare Alltagsstudien von Ernst Thormann und Fotoreportagen aus der A.I.Z. Die Schau mündet in der Welt der Zirkusleute und Artisten und im prallen Berliner Nachtleben der 1920er Jahre mit George Grosz', Werner Scholz' und Karl Hubbuchs grell geschminkten Kokotten, den Zuhältern und Freiern. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan.

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