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Künstlerischer Berater der Beethoven-Woche: „Ein großer Kreis wird sich schließen“

Künstlerischer Berater der Beethoven-Woche : „Ein großer Kreis wird sich schließen“

Luis Gago, künstlerischer Berater der Beethoven-Woche, über das Samstag beginnende Bonner Festival, bei dem Ludwig van Beethovens Liederzyklus "An die ferne Geliebte" im Mittelpunkt steht

Ludwig van Beethovens Liederkreis „An die ferne Geliebte“ bildet das programmatische Zentrum der diesjährigen Beethoven-Woche, die das Beethoven-Haus vom 23. bis 31. Januar veranstaltet. Mit Luis Gago, dem künstlerischen Berater des Festivals, unterhielt sich Bernhard Hartmann.

Ludwig van Beethovens „Liederkreis” wird das Hauptwerk der Beethoven-Woche. Welche Idee steckt hinter dieser Wahl?
Luis Gago: Unsere Idee ist es, jede Beethoven-Woche auf ein Werk Beethovens auszurichten. Die Entscheidung für 2016 fiel nicht schwer, denn „An die ferne Geliebte“, 1816 – also genau 200 Jahre zuvor komponiert und gedruckt – ist der erste Liederzyklus der Musikgeschichte. Er hatte eine enorme Wirkung auf nachfolgende Generationen, etwa auf den zweiten großen Bonner Komponisten Robert Schumann. Außerdem zählen Beethovens Lieder zu seinen weniger bekannten Werken und wir wollten mit Ihnen eine Brücke zu den Komponisten der Romantik schlagen, das Lied zu einer der bedeutendsten und kultiviertesten Musikformen des 19. Jahrhunderts entwickelt haben. Da es sich bei der Beethoven-Woche um ein Kammermusikfest handelt, sahen wir zudem die Chance, einige Meisterwerke für Kammermusik mit Gesang einzubeziehen.

War Beethoven im Allgemeinen eher ein Komponist von Instrumentalwerken wie Symphonien, Sonaten, oder Kammermusik, oder war er ein ebenso guter Komponist von Vokalwerken?
Gago: Beethoven dachte und komponierte vorwiegend in reinen Instrumentalformen. Von Natur aus war er kein Komponist für die Singstimme und kein geborener Melodiker. Franz Schubert war beides, und das erklärt den hohen Anteil an Liedern in seinem Schaffen. Beethoven hatte nicht diesen inneren Drang, Gedichte in Lieder zu verwandeln. Und wenn die Stimme eine wichtige Rolle spielt, zum Beispiel im vierten Satz der neunten Sinfonie, in der Missa Solemnis oder auch in Fidelio, müssen die Künstler mit einer Kompositionsweise zurechtkommen, die eher instrumental wirkt und nicht für die menschliche Stimme geschrieben scheint. Gleichwohl hat Beethoven ganz herausragende Werke der Vokalmusik hinterlassen, und „An die ferne Geliebte“, auch wegen der bahnbrechenden Stellung als erster Liederzyklus überhaupt, ist hier ein wahres Juwel.

Wie wird der Zyklus ins Festival-Programm eingebunden?
Gago: Wir werden dieses Werk im Zentrum während der Beethoven-Woche zweimal hören, zunächst in der Besetzung mit Bariton und modernem Flügel, und dann mit Tenor (der ursprünglichen Stimmlage) und einem historischen Hammerflügel, der genau aus der Zeit der Werkentstehung stammt. Damit kann man dasselbe Werk aus zwei besonderen, aber aufeinander bezogenen Perspektiven erleben. Der koreanische Pianist Sunwook Kim spielt ergänzend die Transkription des Liederkreises für Klavier von Franz Liszt; dies wird eine weitere, stimm- und textlose Annäherung an das Werk im Zentrum sein.

Wir werden auch Werke anderer Komponisten hören, von Schubert, Schumann und Schoeck etwa. Wie haben sie die Konzertprogramme entwickelt?
Gago: Wir wollten uns nicht nur auf Beethovens Lieder konzentrieren, sondern „An die ferne Geliebte“ als Ausgangspunkt nehmen und auf dieser Basis sowohl in die Welt der Liederzyklen als auch der Kammermusik-Werke mit Gesang vordringen. Damit können wir ein faszinierendes Bild der späteren Entwicklung beider Genres zeichnen. Schumann hat eine besondere Bedeutung in der Woche. Zum einen mit meisterhaften Liederzyklen, zum anderen mit seiner Fantasie für Klavier op. 17 , die am Ende des ersten Satzes buchstäblich (und nicht zufällig) die Hauptmelodie aus „An die ferne Geliebte“ zitiert. Wahrscheinlich war zu dem Zeitpunkt Clara Wieck seine eigene „ferne Geliebte”, und natürlich drückt er auf diese Weise auch seine Bewunderung für Beethoven aus. Schuberts Winterreise war ebenfalls ein Muss für die Programmkonzeption. Nicht etwa, weil es Winter ist, sondern weil die Winterreise in Beethovens Todesjahr entstand, der Topos der „fernen Geliebten” hier sein stärkstes Echo erfährt, und es sich um nicht weniger als eines der überragenden Werke westlicher Kultur handelt. Schubert musste also dabei sein, wie auch Othmar Schoeck, ein Komponist der ungerechterweise vernachlässigt wird. Ich bin sicher, dass viele Leute, die die Konzerte mit seinen Werken besuchen, über die außergewöhnliche Qualität dieser Musik staunen werden.

Wie passt die Kammermusik und Klaviermusik, die gespielt wird, mit der auf den Liederzyklus ausgerichteten programmatischen Idee zusammen?
Gago: Der Bezug von Schumanns Fantasie op. 17 zu Beethovens Liederkreis wurde bereits erläutert. Mit der Fantasie und Beethoven hängen wiederum einige der Kompositionen zusammen, die von Petra Somlai und Sunwook Kim gespielt werden. Sie waren ursprünglich alle Teil des sogenannten Album-Beethoven, das zehn „Morceaux brillants pour le piano composés par Messieurs Chopin, Czerny, Döhler, Henselt, Kalkbrenner, Liszt, Mendelssohn Bartholdy, Moscheles, Taubert et Thalberg“ umfasste und von Pietro Mechetti in Wien 1842 herausgegeben worden war, um mit dem Erlös zu den Kosten des Beethoven-Denkmals in Bonn beizutragen.

Gibt es weitere Verknüpfungen?
Gago: Die Verbindung zu den Beethoven-Werken, die vom Danish String Quartet mit Tabea Zimmermann und Andreas Brantelid gespielt werden, ist anderer Art – die drei Werke sind allesamt Fürst Joseph von Lobkowitz gewidmet, dem Widmungsträger von „An die ferne Geliebte“. Wahrscheinlich wurde der Liederkreis komponiert, kurz nachdem dessen Ehefrau Maria Karoline Lobkowitz am 24. Januar 1816 verstorben war. Dass wir den Liederkreis mit Johannes Kammler und Roger Vignoles auf den Tag genau an ihrem 200. Todestag aufführen ist deshalb eine schöne Fügung.

Welche Inhalte haben die Einführungsvorträge vor den Musikaufführungen?
Gago: Sie werden natürlich alle unterschiedlich sein, denn so etwas hängt von der Persönlichkeit der Vortragenden und ihren Interessen ab. Aber das Ziel ist bei allen unseren Referenten von Frau Lodes aus Wien bis zu Hern Walton aus der Schweiz, den Hintergrund jedes Programms und der einzelnen Werke zu erläutern und die musikalischen Verbindungen zwischen den Werken herauszuarbeiten. Je mehr man vorher weiß, umso bereichernder wird das Hörerlebnis sein.

Was zeichnet dieses kleine Festival aus, im Vergleich zu anderen?
Gago: Der authentische Ort, die Konzeption als „Werkfestival“ und die künstlerische Handschrift von Tabea Zimmernann. Zur Beethoven-Woche zeigt das Beethoven-Haus Autographe, Briefe und andere Quellen und zu den Höhepunkten der Sammlung gehört ohne Zweifel das Autograph von „An die ferne Geliebte“. Ganz besonders ist auch die künstlerische Leitung von Tabea Zimmermann, für mich eine der größten Musikerinnen der Gegenwart. Über das Werk von Beethoven im Zentrum ist schließlich alles miteinander verflochten und verbunden. Die Besucher werden bei den Konzerten eine kontinuierliche Entwicklung fühlen. Wenn sie nach einer Woche der Erkundungen am Ende Othmar Schoecks „Notturno“ gehört haben, wird sich ein großer Kreis schließen. In den Worten von Gottfried Keller, dessen Texte Schoeck zuletzt in seinem Notturno verwendet: „Ich spähe weit, wohin wir fahren“.

Karten für das Festival in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen. Das Programm im Internet: beethoven-haus-bonn.de/ woche.