Musikfestival in Bonn: Ein Blick hinter die Kulissen beim KunstRasen

Musikfestival in Bonn : Ein Blick hinter die Kulissen beim KunstRasen

Der Bonner KunstRasen ist am Wochenende in die neue Saison gestartet. Während vor der Bühne die Fans feiern, sorgen der Veranstalter und seine Mitarbeiter für einen reibungslosen Ablauf. Ein Blick hinter die Kulissen.

Wo ist Ernst? Produktionsleiter Igor Fuks-Markovic steht mitten im Containerdorf und blickt sich um. „Hab‘ grade noch mit ihm gesprochen“, sagt Simon Rausch, der für Ton und Licht verantwortlich ist. Da taucht er auf. Ernst Ludwig Hartz, Veranstalter der KunstRasen-Open-Airs, trägt Schlappen, eine graue Dreiviertelhose, ein Joe-Jackson-T-Shirt und ein blaues Handtuch um den Hals. Er ist auf einem Fahrrad unterwegs über das weitläufige Gelände in der Bonner Gronau.

Es ist kurz nach acht Uhr. Noch achteinhalb Stunden bis zum Einlass zum ersten Konzert mit Tears for Fears und Kim Wilde. Hinter der Bühne steht ein Sattelschlepper, aus dem die Technikmannschaft („Stagehands“) Rollcontainer und Kabelrollen rausfährt. Rollende Podeste für die Schlagzeuge und Keyboards werden mit schwarzem Filzstoff bezogen. Gegenüber im Turm mit dem Mischpult geht die PA-Crew die Anweisungen der Künstler („Rider“) durch. Im VIP-Zelt und den Imbiss- und Getränkebuden rund um die Wiese putzen und wischen Männer und Frauen die Theken, stellen Stühle und Bänke auf.

Am Tor zum Artist Village hängt ein Bild von Roland Orzabal und Curt Smith: „Das sind die Künstler Tears for Fears. Bitte fragt sie nicht nach einem Durchgangspass“, steht da auf Englisch. 40 Security-Leute sind heute im Einsatz. Das Künstlerdorf besteht aus einigen Containern, die so angeordnet sind, dass sie zusammen mit der Küche des Caterers einen kleinen Platz bilden. Dahinter sind die Produktionsbüros der Künstler und von Hartz. Den sogenannten Startrailer mit eigenen Duschen und Toiletten haben Orzabal und Smith ihrer Band überlassen, sie gehen lieber in getrennte Garderoben. Sind sich die beiden etwa immer noch nicht grün? Es ist bekannt, dass die britischen Künstler sich immer wieder in die Wolle kriegen. Hartz zuckt mit den Achseln.

Hartz holt sich Tee. Gerade hat er die Garderoben inspiziert und sichergestellt, dass alles vorbereitet ist. Kim Wilde bekommt 40 weiße Badetücher und 15 kleine schwarze für die Bühne, Tears for Fears bekommen 70 Badetücher und 20 kleine. Die Bewirtung der Künstler und der Crew übernimmt ein Kölner Caterer, der zuvor eine Liste mit allen Wünschen erhält. „Die Zeiten, in denen wir die Künstler selbst versorgt haben, sind längst vorbei“, sagt Hartz. Damals in den 80ern, da hat seine Mutter noch für kalte Platten gesorgt. Heute hält die Küche neben Hühnchen asiatisch auch vegetarische und vegane Gerichte bereit.

Die Produktionsleute der Künstler sind längst da, vor dem Büro von Tears for Fears stehen zwei Containertürme voll mit Technik und Equipment, in dem nicht mal zehn Quadratmeter großen Raum arbeiten zwei Mitarbeiter schon längst an den Vorbereitungen der nächsten Tourstationen. Ein großer, breitschultriger Kerl mit kahl rasiertem Schädel stellt sich bei Toby Henn als persönlicher Bodyguard von Smith und Orzabal vor. Er trägt knielange Hosen und ein Muscleshirt. Unter den vielen Tattoos sticht eines an der Wade heraus: Es kennzeichnet ihn als frühen Navy Seal.

1500 bis 2000 Seiten Anträge

Toby Henn hat heute einen Doppeljob. Er ist zuständig für Security und die Aufbauten. Vor der Bühne gibt es Anweisungen, wo die Absperrungen aufgebaut werden müssen. Katrin Weinreis fährt mit einem Gabelstapler heran. Die 32-jährige inhabende Geschäftsführerin der KunstRasen GmbH ist für die gesamte Infrastruktur zuständig. Sie trägt einen kurzen Jumpsuit, Timberland-Arbeitsstiefel und einen Strohhut. In der Hand ein Handy und ein Funkgerät. Vom Wechselgeld für die Imbissbuden bis zu den technischen Absprachen mit dem Künstlermanagement – sie kümmert sich um alles. Und die Koordination für den Aufbau hat sie in den letzten Wochen auch gemeistert. „Es gibt nur eine Zufahrt aufs Gelände. Da muss alles genau terminiert sein. Und wehe, ein Sattelschlepper steckt im Stau“, sagt sie lachend.

Im Herbst/Winter liefen schon die Vorbereitungen. Allein für die Genehmigungen von den Behörden hat sie 1500 bis 2000 Seiten Anträge und Gutachten verschickt. „Siehst du die Wassercontainer da drüben für den Schallschutz? Die sind mit Rheinwasser gefüllt und werden später wieder zurückgekippt. Dafür brauchst du natürlich eine Genehmigung von der Oberen Wasserschutzbehörde“, erzählt sie und ruft Henn etwas wegen der Absperrgitter für den Front-of-Stage-Bereich zu. Auf dem Platz arbeiten an diesem Tag fast 100 Menschen. „Jeder weiß, was er zu tun hat. Wir arbeiten mit vielen tollen Dienstleistern zusammen. Irgendwie ist alles Rock’n’Roll, aber ein tolles Zusammenarbeiten“, sagt sie.

Ihr Partner Martin J. Nötzel steht auf dem Platz mit den Tontechnikern. „Die Technik wird immer besser. Mit vielen Fachbegriffen erklärt er, wie die PA-Lautsprecher an der Bühne und davor, die Bass-Subwoofer unter der Bühne und die sogenannte Delay-Line, die Lautsprecher auf dem Platz angeordnet sind, damit wirklich nur der Platz beschallt wird. Dann bekommt er einen Anruf aufs Handy und läuft mit seinem Sohn zum Auto. Wohin? „Wir haben zu wenig Keg-Zapfköpfe“, sagt er und ist weg.

"Kim braucht noch ein Kissen"

„Kim kommt!“ Es ist Mittag. Das Tor zur Straße öffnet sich. Eine schwarze Mercedeslimousine, gefolgt von zwei schwarzen Vans, fährt ein. Kim Wilde steigt aus. Haare zusammengesteckt, Lederjacke mit Strass-Broschen. Sie nimmt die Sonnenbrille ab, schaut sich um. „Lovely“, sagt sie. Alles gut. „Miss Wilde, erinnern Sie sich an Bonn?“ Sie schaut fragend ihren Manager an. „Sie haben doch mal drüben im Kameha Videos zwischen den großen goldenen Vasen gedreht.“ „Ach, das war hier?“ Sie lächelt und verschwindet in der Garderobe.

Wo ist Ernst? Igor Fuks-Markovic sucht ihn wieder und findet Hartz im Produktionsbüro, in dem sich Kartons und Taschen voller Handtücher stapeln. Drucker, Telefon und Laptop sind heute Morgen angeschlossen worden. In der Ecke hängt ein weißes, gebügeltes Hemd. Für heute Abend. Fuks-Markovic steckt den Kopf durch die Tür. „Kim braucht noch ein Kissen.“ Sylvan Richter, Hartz‘ Stiefsohn und Assistent, zwängt sich an ihm vorbei und stellt die Lesegeräte, die später für den Einlass gebraucht werden, auf den Tisch. „Die müssen noch geladen werden“, sagt er und ist auch schon wieder durch die Tür.

Und jetzt stehen noch Katrin Weinreis und Simon Rausch in der Tür. Es geht um den Soundcheck. Kims Gruppe macht einen, Tears for Fears wollen, dass alles so vorbereitet wird, dass sie sofort auf die Bühne können, wenn sie kommen. Sie sind schon in Bonn, kommen aber erst kurzfristig auf den Platz.

Wilde Partys nach den Konzerten

Hartz wirkt entspannt. „Nach 42 Jahren ist das alles Routine“, sagt der 59-Jährige und schaut zum Himmel. Der ist blau wie eine Babydecke. Ein perfektes Wetter für den Start der Saison. Die ersten großen Konzerte hat er in den 80ern mit Genesis und Peter Gabriel veranstaltet. Dann kamen Michael Jackson, U2, Pink Floyd und viele andere hinzu. Hartz hat schon so viel erlebt, dass ihn nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. „Die Stone Temple Pilots waren vor gut zehn Jahren auf Tour und sollten von London nach Köln kommen. Nachmittags war die Band da, aber der Sänger Scott Weiland hatte den Flug verpasst, und es gab keinen passenden Anschluss. Da haben wir ihn per Auto hergebracht.“

Sylvan genehmigt sich ein kaltes Wasser. Er hat das WLan angepasst, den Einlass organisiert, neue Programmhefte abgeholt, die Produktionsbüros eingerichtet. Was ihm am besten gefällt an dem Job? „Die Künstlerkontakte“, sagt er sofort. Wer ist denn besonders nett? „Mit den Sportfreunden Stiller haben wir nach dem Konzert noch bis 2 Uhr zusammen gesessen. Und wilde Party gibt es hier nach den Konzerten auch oft“, sagt er und schmunzelt. Bei wem was wie abging, darüber schweigt er ebenso wie sein Stiefvater. „Künstler sind auch nur Menschen“, sagt Hartz. Mehr erzählen sie aber nicht. „Es gibt Geheimnisse, und Diskretion gehört zum Geschäft“, meint Sylvan. Bob Dylan soll vor sieben Jahren zu Fuß am Rhein vom Hotel bis zum KunstRasen gekommen sein und sei im Trainingsanzug und mit Sonnenbrille nicht erkannt worden, heißt es. Stimmt das? „Dylan geht gerne spazieren“, sagt Sylvan nur.

Kim Wildes Band hat sich mittlerweile umgezogen. Alle im Sportdress. Sie gehen zusammen joggen und zum Yoga in die Rheinaue. Keyboarder Lukes erzählt später beim Mittagessen, dass die Musik nur ein Nebenjob von ihm ist. Hauptberuflich vertreibt er von Paris aus Schuhe von Karl Lagerfeld.

Ohne Kontakte läuft nichts

Noch eine Stunde bis zum Einlass. Auf dem Platz herrscht deutlich mehr Bewegung. Weinreis fährt mit dem Gabelstapler von Ort zu Ort. Derweil haben Dirk Wilms, Martin Schneiders, Janning Fliege und Kai Nils Becker von der Freiwilligen Feuerwehr Lannesdorf schon Stellung bezogen und beobachten das hektische Treiben. An dem Imbiss- und Getränkeständen werden letzte Instruktionen gegeben.

Die Managements der Künstler informieren Hartz darüber, welche Fotografen zugelassen sind und von wo aus sie wie lange Aufnahmen machen dürfen. Und dann geht es los. Hartz steht hinter der Bühne, als Kim Wilde mit Band, alle ganz in Schwarz, die Rampe hochgehen. Ein kurzer Blick. Alles läuft.

Die VIP-Lounge ist gut gefüllt. Bonn-Ticket hat Kunden und Geschäftspartner eingeladen. Hartz trägt immer noch die kurzen Hosen, hat aber jetzt sein weißes Hemd an. Er geht durch die Gruppen, bleibt mal hier, mal dort stehen. Und ist dann wieder weg. Small Talk ist seine Sache nicht. „Es gehört aber zum Job“, sagt er. Lieber noch bewegt er sich in der Musikszene. Da hat er sich längst einen Namen gemacht. „Ohne Kontakte und gute Beziehungen zu Künstlern und Agenturen läuft nichts“, sagt er, während wir wieder zu seinem Büro laufen. Im Hintergrund singt Kim Wilde „Never Trust a Stranger“.

"Besorgt mir mal ein kaltes Kölsch"

„Als wir hier 2012 angefangen haben und in der ersten Saison Leute wie Patti Smith, Lou Reed und oder Bob Dylan hergebracht haben, ging das nur, weil uns die Künstler vertraut haben. Normalerweise spielen sie nicht auf neuen, unerprobten Plätzen“, sagt Hartz. „An Sting habe ich drei Jahre gearbeitet, um ihn nach Bonn zu bekommen.“

Was er denn jetzt noch machen muss? „Abrechnungen. Das läuft unmittelbar nach der Show“, sagt Hartz und vertieft sich in seinen Computer. Von vielen Konzerten, sagt er, bekommt er vielleicht nur eine halbe Stunde mit. Es gab Bands wie Pink Floyd oder U2, da hat er sein Team hinterher zum Konzert in einer anderen Stadt eingeladen, damit alle auch die ganze Show sehen konnten. Letztes Jahr flog er mit dem Büro zu Arcade Fire nach Manchester („die wir leider nicht veranstaltet haben“).

Als Tears for Fears um 20.17 Uhr auf die Bühne kommen, jubelt das Publikum. Hartz ist wieder nirgends zu sehen. Bei „Advice for the Young at Heart“ steht er auf der VIP-Terrasse. Nach ihrem Radiohead-Cover von „Creep“ sagt er nur „Klasse“ und verschwindet. Gegen 22 Uhr, der Platz ist schon fast wieder geleert, ein Anruf auf dem Handy. „Besorgt mir mal ein kaltes Kölsch. Ich komme gleich.“ Kurz nach zehn steht er bei seinen Freunden und trinkt sein erstes Bier. Sie stoßen an. „Guten Start, Ernst.“

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