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"Typisch deutsch?": Ehrenrettung der Biergarnitur: Das Museum für Angewandte Kunst Köln zeigt Sachs-Ausstellung

"Typisch deutsch?" : Ehrenrettung der Biergarnitur: Das Museum für Angewandte Kunst Köln zeigt Sachs-Ausstellung

Ehrenrettung der Biergarnitur: Von "Pünktlichkeit" bis "Schwermut" - Sachs' Ausstellung ist ein hintersinnig-amüsantes Spiel mit Stereotypen.

Da steht unter einem Glassturz das zipfelmützige Urbild deutscher Spießigkeit. Doch dieser Gartenzwerg ist irgendwie anders: Als pechschwarze Skulptur aus Ibbenbürener Anthrazitkohle thront er auf einer sorgsam zusammengefalteten Steigerjacke. "Fleiß" nennt Rolf Sachs dieses Werk seiner Ausstellung "Typisch deutsch?", die er exklusiv fürs Museum für angewandte Kunst Köln (MAKK) zusammengestellt hat.

Der 1955 in Lausanne geborene Sohn von Gunter Sachs und dessen erster Frau Anne-Marie Faure lebt seit 20 Jahren mit seiner iranischen Frau Maryam in London und ist somit alles andere als ein typischer Teutone.

Bei der gestrigen Pressekonferenz erklärte er dazu: "Gerade in England habe ich beobachtet, dass die Skepsis gegenüber Deutschland schwindet und die belächelten Klischees langsam zu akzeptierten Eigenschaften werden."

Das mag gewiss für die "Emsigkeit" gelten, die der auch als Designer, Fotograf und Bühnebildner arbeitende Künstler hier mit einem Bienenwaben-Leuchtkasten symbolisiert. Oder für die "Geselligkeit", die in dieser Schau von Biergartentisch und -bänken vertreten wird. Eigentlich billige Objekte, die Sachs freilich als Bronzeguss zugleich verfremdet und adelt.

Von der großen Souterrainhalle bis auf die Empore zieht sich dieses hintersinnig-amüsante Spiel mit Stereotypen. Für die "Pünktlichkeit" garantieren sowohl eine tausendstel Sekunden anzeigende Digitaluhr wie der ausgestopfte Kuckuck, "Der unendliche Geist" wächst als bronzener Bücherturm von Walter von der Vogelweide bis Günter Grass geradezu in den Himmel und ist zugleich eine Hommage an Brancusis "Unendliche Säule".

Sachs' Zugriff reicht von genialer Vereinfachung bis zu intellektueller Komplexität. So bewundert man die "Schwermut" als goldene Kugel, die in gestapelte Filzmatten sinkt. Oder man grübelt über der "Angst", die mit einer Holzpresse, Sanduhr, Schwamm und dem Neuen Testament sowie Heideggers "Sein und Zeit" auftritt.

Mit vertracktem Witz hat der Künstler die "Vorsicht" gestaltet: Ein Holzkasten mit Vorhängeschloss, dessen Schlüssel man nur durch den Lupenblick ins Innere der Kiste entdeckt.

Den deutschen "Amtsschimmel" lässt die Schau allerliebst in einer Stempelpyramide wiehern, wobei die Aufschriften von "Eingemachtes" und "Feierabend" bis zu "Himmel, Arsch und Zwirn" reichen. Die international bewunderte "Autobahn" ist als ein in die Waagerechte gekipptes "Ausfahrt"-Schild präsent, das in Rolf Sachs' Londoner Studio als Esstisch dient. Hier gibt es "Gaudi" (mit überlangem Schlitten) oder "FKK" ( nackten Minifiguren in der von zwei "Sonnen" bestrahlten Vitrine). Aber Sachs blendet die langen, blutigen Schatten der deutschen Geschichte nicht aus: Als "Memento Mori" zeigt er einen alten Wehrmachtshelm im rostigen Drahtkäfig.

Die vielleicht schönste, auf jeden Fall technisch anspruchsvollste Installation gilt der "Romantik": Aus einem Faber-Castell-Füller fällt alle 30 Sekunden ein Tintentropfen in einen Glastank.

Doch eine spezielle Flüssigkeit sorgt dafür, dass das Blau nie Überhand gewinnt, sondern stets nur schwerelos-zarte Wolken bildet. Auch wenn Sachs selbst meint: "Ich hätte eigentlich noch eine akustische Arbeit zur Präzision machen müssen" - diese am Montag zur Möbelmesse eröffnende Schau ist mit ihren einfallsreichen Sinnbildern auch so ein Ereignis.

14.1. bis 20.4., Di-So 11 bis 17 Uhr, erster So im Monat: 10-17 Uhr, erster Do: 11-22 Uhr. Zu den "Passagen" (bis 19.1.): 11-21 Uhr. An der Rechtschule. Katalog: 29,80 Euro. www.makk.de