Neuer Chef des WDR Sinfonieorchesters: Dirigent Cristian Macelaru: Im Auge des Hurrikans

Neuer Chef des WDR Sinfonieorchesters : Dirigent Cristian Macelaru: Im Auge des Hurrikans

Der aus Rumänien stammende Musiker debütiert an diesem Wochenende mit zwei Konzerten in der Kölner Philharmonie als Chef des WDR Sinfonieorchesters

Es gab diese eine Szene in seiner frühen Kindheit, an die sich der Dirigent Cristian Macelaru noch sehr genau erinnert: Neun ältere Geschwister standen um das auf dem Boden liegende kleine Brüderchen herum und sangen aus voller Kehle. Sie hätten aus der sehr speziellen Kleinkind-Boden-Perspektive auf ihn wie Giganten gewirkt, sagt Macelaru. „Die Erinnerung daran ist noch sehr lebendig.“ Es kommt ihm heute so vor, als habe er sich „im Auge des Hurrikans“ aufgehalten. Doch beängstigend war das für ihn nicht: „Dort ist immer noch mein Lieblingsplatz.“ Keine schlechte Voraussetzung für seine neue Position als Chef des WDR Sinfonieorchesters, wie er findet: „Ich denke, es ist eigentlich ein sehr gutes Bild dafür, warum ich überhaupt Dirigent werden wollte. Als Orchesterchef hält man sich ja immer im Auge des Hurrikans auf. Während der Sturm um mich herum heftig wütet, ist das Zenrum immer friedlich und ruhig. Ich sehe die Sonne, und es ist einfach wunderschön.“

Geboren wurde Cristian Macelaru 1980 in Temesvar in Rumänien. In der Großfamilie spielte Musik immer eine große Rolle, und der junge Cristian lernte bereits sehr früh, Geige zu spielen. Als Jugendlicher verließ er seine Heimat, um in den USA Geige und Dirigieren zu studieren. Was folgte, kann man als Bilderbuchkarriere bezeichnen: Er wurde jüngster Konzertmeister in der Geschichte des Miami Symphony Orchestra und debütierte mit 19 Jahren in der Carnegie Hall; seinen endgültigen Durchbruch als Dirigent feierte er 2012, als er für den erkrankten Pierre Boulez bei einem Konzert des Chicago Symphony Orchestra einsprang. Seither hat Macelaru viele bedeutende Orchester dirigiert, darunter das Cleveland Orchestra, das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, die Staatskapelle Dresden und immer wieder das Philadelphia Orchestra, dessen Conductor-in-Residence er war.

Von Philadelphia nach Bad Godesberg

Obwohl er seinen Lebensmittelpunkt für nahezu ein Vierteljahrhundert in den USA hatte, ist ihm der Entschluss, die Position in Köln anzunehmen, gar nicht schwergefallen. „Meine Frau und ich haben in den letzten Jahren sehr oft darüber gesprochen, nach Europa zu gehen“, erzählt er. „Wir dachten an Frankreich oder Italien, vielleicht auch Berlin. Aber als wir in diese Gegend kamen, fanden wir es wunderschön hier. Ich liebe es, von Natur umgeben zu sein. Und wir verliebten uns sofort in die Stadt. Hier habe ich das Gefühl, im Zentrum Europas zu sein. Wir können von hier aus ganz einfach überall hingehen.“ Zuletzt lebten die Macelarus in Philadelphia. Ihr neues Zuhause steht in Bad Godesberg, wo ihre beiden Kinder Beniamin und Maria die Grundschule besuchen.

Chef des WDR Sinfonieorchesters zu sein, ist für ihn aber vor allem aus künstlerischen Gründen etwas sehr Besonderes. „Ich halte es ganz ehrlich für eines der führenden Orchester in Europa“, sagt er. Auch wenn er an diesem Freitag sein erstes Konzert in offizieller Funktion als Chefdirigent geben wird, ist ihm das Orchester schon von seinigen Gastverpflichtungen her vertraut. „Ich erinnere mich noch an die erste Probe. Sie waren so gut vorbereitet wie kein anderes Orchester. Darüber hinaus gibt hier wirklich jeder alles. Das ist nicht bei jedem deutschen Orchester so“, sagt er. Die Musiker hören zu, wollen teilhaben. „Das entspricht sehr meinem Stil und meinem Verständnis davon, Musik zu machen. Das Wichtigste ist immer, den richtigen Partner zu finden.“

Die erste Beziehungsprobe in dieser neuen Partnerschaft besteht in der Aufführung von Werken der Komponisten Gustav Mahler („Sinfonie Nr. 4 G-Dur für Orchester und Sopransolo“), Jörg Widmann („Tanz auf dem Vulkan“) und Antonín Dvorák („Te Deum op. 103 für Soli, Chor und Orchester“). Für ihn sind dies drei Werke, die jedes auf seine Weise etwas mit Spiritualität zu tun haben. „In der Kunst“, sagt Macelaru, „finden wir Spiritualität in einer reineren Form als in der Religion.“ Das möchte er seinem Publikum gern vermitteln. Macelaru: „Ein Ziel in meinem Leben ist es, den Menschen dabei zu helfen, dieselbe Verbindung zur Musik zu erhalten, die auch wir Musiker haben.“

Das Musizieren selbst ist da nicht das einzige Mittel, dieses Ziel zu erreichen. Macelaru erscheint es wichtig, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Deshalb fasst er gern den Begriff der Musikvermittlung ein wenig weiter. Die Arbeit, die auf diesem Gebiet mit den Kindern beginne, müsse bei den Erwachsenen ihre Fortsetzung finden. Da bringt sich Macelaru auch selbst ein, mit Videobotschaften („Kurz und Klassik mit Cristian Macelaru“) auf der Internetseite des WDR Sinfonieorchesters, Programmheftbeiträgen und Einführungen eine Stunde vor den Konzerten.

Mit 39 Jahren hat er bereits viel erreicht und erlebt. Oft kommt es ihm vor wie ein Geschenk. Als er vor ein paar Tagen noch einmal in Amerika war und ein Konzert mit dem Jazztrompeter Wynton Marsalis, den er seit Jugendtagen bewundert und mit dem er heute eng befreundet ist, dirigierte, ist etwas für ihn Unglaubliches passiert. Marsalis' Sinfonie Nr. 4 „The Jungle“, die auf dem Programm stand, endet mit einem langen Trompetensolo, das der Jazzstar selbst spielte: „Er saß im Orchester, und ich dirigierte. Während der ganzen Zeit des Solos schaute er mir in die Augen. Das war stark“, berichtet Macelaru. Nach dem Konzert sei er zu ihm gegangen und habe gesagt: „Als Junge in Temesvar hätte ich im Leben nicht gedacht, dass ich 25 Jahre später auf der Bühne stehen und der große Wynton Marsalis vor 3000 Leuten ein Solo für mich spielen würde.“ Dieses Gefühl wertzuschätzen, hat für Macelaru viel mit Demut zu tun. In seinen Augen eine ganz wichtige künstlerische Eigenschaft.

Konzerte am 6. und 7. September, 20 Uhr, in der Philharmonie. Das Konzert am 6. September wird live im Rundfunk auf WDR 3 übertragen.

Mehr von GA BONN