"Kabale und Liebe" in Köln: Die Unschuld auf der Abrissbirne

"Kabale und Liebe" in Köln : Die Unschuld auf der Abrissbirne

Im Club der toten Dichter verrückt Simon Solberg gern kräftig die Möbel. Und so verpasst der gebürtige Bonner nun Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" ein poppig-politisches Update. Es beginnt damit, dass das "bürgerliche Trauerspiel" bei der Kölner Premiere im Depot 1 vom Regisseur und von der Co-Bühnenbildnerin Maike Storf in die Versandhalle der Firma "amazon.as" verlegt wird.

Der Milieuwechsel liegt nicht wirklich nahe, doch während Schiller Ende des 18. Jahrhunderts die Fürsten als Volksschinder demaskierte, findet Solberg seine zeitgemäßen Pendants eben bei den Sklavenhaltern in Katar oder bei westlichen Akkord-Arbeitgebern.

In diesem sozialkritischen Rahmen steckt Schillers Gefühlsgemetzel: die zu Tode intrigierte Liebe zwischen Adelsspross Ferdinand von Walter und Luise Miller. Weil diese "Bürgerkanaille" Ferdinands Vater ohnehin nicht passt und gerade für die Fürstenmätresse Lady Milford ein ehrbarer Gatte gesucht wird, mimt der alte Herr von Walter knallhart den Kuppler.

Solberg und Dramaturgin Nina Rühmeier haben Schillers Intrigendschungel stark gerodet: kein Hofmarschall mehr, kein Musikus Miller. Die Millerin wird alleinerziehende Mutter, die bald im Fürstenkerker schmachtet, was die Tochter zur Aufgabe ihres Glücks erpresst. Bei Schiller schrieb sie dazu den erzwungenen Brief an Ferdinands angeblichen Nebenbuhler. Solberg aber lässt Luise ein Filmchen drehen, auf dem sie sich wie Miley Cyrus im Musikvideo "Wrecking Ball" lasziv auf der Abrissbirne räkelt.

Von diesen Pop-Fußnoten gibt es etliche: musikalisch ("The Power of Love"), visuell (Titelbilder mit Sylvie van der Vaart) oder medienkritisch (die Castingshow zu Deutschlands "nächster Top-Jungfer"). Hofintrigant Wurm (mit schleimiger Geschmeidigkeit: Stefko Hanushevsky) befördert diese Zitate per Fernbedienung auf die Videobanner, von wo sie die rastlose Regie wieder wegzappt.

Dabei produziert Solberg so viele Einfälle, dass die einander an die Gurgel springen. Da reicht es nicht, dass Wilhelm Eilers Ferdinands Vater als Golf spielenden Herrenreiter mimt, nein, er muss auch noch Waffenlobbyist sein. Pofalla und Wulff lassen als abschreckende Fotobeispiele grüßen, während Ferdinand die Enthüllung väterlicher Ränke im Snowden-Trikot androht.

Zeitweise scheint Solberg als ambulanter Weltenretter sein Zentraldrama zu vergessen, das gleichwohl erstaunlich unversehrt bleibt. Dabei wechselt die Regie geschickt zwischen Karacho und Zeitlupe, Kreischalarm und (seltener) Stille. Marek Harloff und Annika Schilling sind gewiss kein elegisches, sondern ein heftiges Paar von junger Unbedarftheit.

Zwischen Ferdinand und Luise liegen die Nerven blank wie Starkstromkabel. Doch ein Tritt auf die Hysteriebremse genügt, und die Inszenierung stürzt beide aus Eifersuchtsexzessen in intime Verzweiflung.

Dennoch gehört der Lorbeer des Abends Sabine Waibel, die neben Luises schlichter Mutter vor allem die tragisch-glamouröse Lady Milford spielt. Auch sie hat ihre schrillen Koloraturarien, vor allem aber rührende Trauer um verkaufte Tugend und verlorenes Glück.

Bis am Ende alles in Mord und Selbstmord untergeht - und Solberg noch mal eben die Französische Revolution im Schnelldurchlauf serviert... Nein, das ist kein Schiller für Puristen. Aber die entscheidende Frage, nämlich ob Klassiker heute noch zu uns sprechen, beantwortet diese so übertourte wie energiestrotzende Inszenierung mit einem kräftigen Ja.

Info

Nächste Termine: 14.-17. 1., je 19.30 Uhr. Karten unter www.bonnticket.de und in den Bonnticket-Shops der GA-Geschäftsstellen

Mehr von GA BONN