"Biedermann und die Brandstifter" im Kleinen Theater Bad Godesberg: Die reine Wahrheit glaubt keiner

"Biedermann und die Brandstifter" im Kleinen Theater Bad Godesberg : Die reine Wahrheit glaubt keiner

Walter Ullrich inszeniert "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch im Kleinen Theater Bad Godesberg

Die Brandstifter sind wieder unterwegs, schreiben die Zeitungen. Gottlieb Biedermann weiß das. Und trotzdem wird er den Strolchen, die sich bei ihm eingenistet haben, die Streichhölzer geben, mit denen sie ihm das Dach überm Kopf anzünden. Im Namen der Menschlichkeit, denn Haarwasserfabrikant Biedermann ist ein braver, gutherziger Bürger. Wenn er sich die Eindringlinge zu Freunden macht, werden sie sein Haus verschonen. Glaubt er wider jede Vernunft. Die Benzinfässer auf seinem Dachboden, die Zündschnüre, die kriminelle Vergangenheit seiner Gäste - Biedermann hat Angst und ist deshalb blind für die Wirklichkeit.

Als politische Parabel ist Max Frischs "Lehrstück ohne Lehre" seit der Uraufführung 1958 in Zürich regelmäßig interpretiert worden. Sein ironisch auf seinen Kollegen Brecht gemünztes Diktum von der "durchschlagenden Wirkungslosigkeit eines Klassikers" schien indes auch "Biedermann und die Brandstifter" zu ereilen. Wie aktuell das Stück ist, beweist die neue Inszenierung von Intendant Walter Ullrich im Kleinen Theater. Auf der schlicht möblierten Bühne markieren Videos (Alexander Ourth) die Schauplätze vom Weinkeller bis zum Dachboden. Sie sind hier aber weder Notbehelf noch technische Spielerei. Über den großen Bildschirm im biedermeierlichen Schlafgemach flimmern als Video im Video Nachrichten von angezündeten Flüchtlingsheimen und andere Brandherde.

Lorenz Schirren spielt den Herrn Biedermann nicht als Karikatur. Er ist dieser wohlhabende Kleinunternehmer, der rücksichtslos einen Mitarbeiter feuert und gleichzeitig seine Gutmenschen-Seele behauptet. Selbstverständlich teilt er Wein und Brot mit dem Obdachlosen, der plötzlich an seinem Tisch Platz nimmt und nach Essen und Unterkunft verlangt.

Erwin Kleinwächter gibt den muskulösen ehemaligen Ringer Schmitz mit Glatze, unglücklicher Vergangenheit und unverschämter Gegenwart. Ein wenig degoutant findet der ehemalige Oberkellner Eisenring das ungehobelte Verhalten seines Genossen durchaus. Der zierliche Martin Semmelrogge in Frack und Lackschuhen (die Kostüme entwarf die kürzlich verstorbene Kara Schutte) ist eine Idealbesetzung für den feinsinnigen Feuerfreak. Fröhlich grinsend bastelt er an Zündkapseln und gepflegten Sprüchen. Scherzen ist gut, sentimentale Geschichten sind fabelhaft, aber die reine Wahrheit glaubt keiner. Unter Semmelrogges struppiger Frisur lauert genau der helle Kopf, der die noble Biedermann-Fassade zur Farce macht.

Luna Metzroth spielt elegant die tapfere Gattin des unerschütterlichen Patriarchen, Fabienne Hasse das schnippische Dienstmädchen. Dass irgendwas schiefläuft zwischen Furcht und Verbrüderung, ist offensichtlich. Während der bebrillte Dr. phil. (Olaf Böhnert) noch revolutionären Idealen nachhängt, haben seine Freunde einfach Spaß am Abflämmen der scheinbar soliden Verhältnisse. Nix Alkohol und Nikotin, weder Biedermanns teure Zigarren noch seine fette Gans, sondern Sprengstoff wie Rammstein mit ihrem Rap-Song "Benzin".

Die von Frisch als groteske Parodie des hohen Tons antiker Tragödien-Chöre angelegte Position der Feuerwehr und Polizei übernimmt Olaf Böhnert als warnende Kunstfigur: "Sinnlos ist viel, und nicht sinnloser als diese Geschichte: Die nämlich, einmal entfacht, tötet viele, ach, aber nicht alle und änderte gar nichts." Es ist nur eine bitterböse Komödie ohne schlichte Lösung. Aber brandheiß im Getümmel zwischen brutaler Fremdenfeindlichkeit und naivem Altruismus. Überzeugter Beifall bei der ausverkauften Premiere.

Weitere Vorstellungen am 28. Oktober und vom 2. bis 29. November fast täglich. Kartenbestellungen unter Telefon (0228) 36 28 39. Infos unter www.kleinestheater-badgodesberg.de

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