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Klassiker neuer Musik: Die neue Musik und der Bolero-Effekt

Klassiker neuer Musik : Die neue Musik und der Bolero-Effekt

"New York ist ein guter Ort für alle, die gerne Tour-Programme hören mögen", findet der Dirigent Alan Gilbert. In dieser Stadt gastieren viele internationale Orchester, die ihr Publikum mit den beliebten Stücken des klassisch-romantischen Repertoires begeistern.

Für Gilbert, seit 2009 Chef der New Yorker Philharmoniker, sind solche Abende aber nicht von der Sorte, die er selbst spannend und inspirierend findet.

Gilbert gilt als einer, der sich besonders um die neue Musik verdient macht. Allerdings betont er, dass unter seiner Ägide, die 2017 enden wird, nicht mehr zeitgenössische Musik auf dem Programm steht, als unter seinen Vorgängern. Doch wenn er neue Musik dirigiert, dann will er auch, dass sie bewusst wahrgenommen wird.

Oft werde sie ja in den Programmen regelrecht versteckt, sagt er im Gespräch. "Ich nenne das den Bolero-Effekt: Man nimmt ein Stück neuer Musik, stellt ihr den Bolero an die Seite und denkt, die Leute werden dann schon kommen. Das mag eine Weile funktionieren. Aber in Wahrheit bedeutet dieses Vorgehen, dass man nicht an die Musik glaubt, die man spielt. Wir aber glauben an das, was wir tun."

Heute und morgen gastieren die New Yorker Philharmoniker in der Kölner Philharmonie, wobei ihr Programm strikt zweigeteilt ist. Am ersten Abend gibt's mit Strawinskys "Petruschka", Ravels "Valses nobles et sentimentales" und Strauss' Rosenkavalier-Suite ein vergleichsweise populäres Programm, das Gilbert deswegen nicht weniger schätzt. Bei Strauss mag er besonders das Flair und die Farbe, und an Strawinskys Ballett findet er - vor allem in der ursprünglichen Fassung von 1911 - den Versuch des Komponisten spannend, das Chaos auf dem Jahrmarkt und die vielen gleichzeitig geschehenden Dinge musikalisch darzustellen und in den Griff zu bekommen.

Der zweite Abend am 1. Mai, der auch die Eröffnung des Neue-Musik-Festivals "Acht Brücken" ist, gerät mit der Uraufführung von Peter Eötvös' Kammeroper "Senza sangue", die gemeinsam von den New Yorker Gästen und Kölnmusik in Auftrag gegeben wurde, sehr ambitioniert. Es ist laut Gilbert ein "faszinierendes Psychodrama", das mit den Gesangsstars Anne Sofie von Otter und Russell Braun überaus prominent besetzt ist. Als Präludien dirigiert Gilbert morgen noch Esa-Pekka Salonens "Nyx" und Béla Bartóks "Wunderbarer Mandarin". Gilbert ist bei den New Yorker Philharmonikern buchstäblich aufgewachsen. Beide Eltern spielten während seiner Kindheit und Jugend in dem Orchester (seine Mutter ist noch immer dabei).

Trotz der familiären Bindung wird er den New Yorkern 2017 den Rücken kehren. Ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Er selbst aber schließt nicht aus, wieder nach Europa zu gehen. Von 2000 bis 2008 war er Chefdirigent der Königlichen Philharmoniker Stockholm, seit 2004 ist er Erster Gastdirigent beim NDR Sinfonieorchester in Hamburg. "Ich schätze das tiefe Verständnis der europäischen Musiker sehr, wenn es um Dinge geht, die hinter den Noten stehen", sagt er.

Konzerte am 30. April und 1. Mai in der Kölner Philharmonie. Karten gibt es in den Bonnticket-shops der GA-Zweigstellen