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Der verschwiegene Krieg: Die lit.Cologne beschäftigt sich mit dem Afghanistan-Konflikt

Der verschwiegene Krieg : Die lit.Cologne beschäftigt sich mit dem Afghanistan-Konflikt

Stell dir vor, es ist Krieg, und jeder schaut weg. Während wir "Stuttgart 21" zur Nationalfrage aufblasen, ist der Krieg in Afghanistan beinahe ein Tabuthema. "Diesen Konflikt so lange nicht Krieg zu nennen, ist im Grund eine Schande", meinte der für Klartext bekannt General a.D. Klaus Reinhardt, der unter anderem Befehlshaber der KFOR-Friedenstruppe im Kosovo war.

Man erinnert sich bei der ins Glasfoyer der DEG verlegten Veranstaltung daran, dass der vorvorige Verteidigungsminister Franz Josef Jung das "K"-Wort peinlichst vermied, Karl-Theodor zu Guttenberg immerhin "kriegsähnliche" Handlungen sah, bis man auf Verbrämungen verzichtete.

Das allein aber hilft den mehr als 300.000 deutschen Soldaten, die insgesamt aus Auslandseinsätzen zurückkehrten, wenig. "Die haben Dinge erlebt, die sie im Gespräch loswerden wollen", erzählt Reinhardt, "aber außer dem Wehrpsychologen hört ihnen keiner zu. Sie stoßen auf eine Mauer des Desinteresses." Moderatorin Carolin Emcke hat den Abend klug strukturiert, und Sozialpsychologe Harald Welzer erklärt das "Herumdrucksen" von Politik und Öffentlichkeit mit dem "Postheroismus der Nachkriegsgesellschaft".

Zugleich wird das Phänomen Krieg selbst seziert. Aus früheren Völkerschlachten sind begrenzte Konflikte geworden, die trotzdem (siehe Vietnam, Irak, Afghanistan) für die hochgerüsteten West-Armeen kaum zu gewinnen sind. Ist Krieg also prinzipiell sinnlos? Nein, meint Reinhardt, "wir haben das Morden auf dem Balkan beendet". In Afghanistan aber sieht er nicht nur eine falsche Strategie der Amerikaner, sondern auch eine Selbstüberforderung der deutschen Politik, die dort westliche Demokratiemaßstäbe samt Gleichberechtigung der Frauen durchsetzen will. Auch dies trägt dazu bei, dass die selbst ernannten Befreier eher als Besatzer gesehen werden.

Und die Literatur? Sie spricht dank der exzellenten Vorleserin Iris Berben eine sehr viel ungeschminktere Sprache als die Politik. Schon in Homers "Ilias" tobt der martialische Furor, wenn Achill den Leichnam des erschlagenen Hektor durch den Staub schleifen lässt. Und Andreas Gryphius' "Tränen des Vaterlands" gelten neben Toten und Geschändeten eben auch den versehrten Seelen.

Die erschütterndsten Texte, darunter Feldpostbriefe deutscher Soldaten, spiegeln aktuellere Kriege. US-Journalist Sebastian Junger schildert in "War" den zynischen Soldatenverschleiß im afghanischen Korengal-Tal. Und wenn uns Iris Berben den von Carolin Emcke notierten Balkan-Horror vor Augen stellt - Verbrannte, Verstümmelte und ein Mädchen, das erst seine Familie, dann die Sprache verloren hat - herrscht beklommene Stille. Ein unbequemer, oft drastischer Abend und ein Beispiel exzellenter Debattenkultur.