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Ausstellung: Die Kräfte hinter den Formen

Ausstellung : Die Kräfte hinter den Formen

Versucht der Mann in Schutzkleidung, der mit einem einfachen Gasbrenner auf dem Eisberg zugange ist, tatsächlich das vor ihm liegende Eis abzuschmelzen? Die Fotoserie suggeriert, dass dem in grau-trüber Kälte verloren wirkenden Menschlein dieses paradoxe Vorhaben tatsächlich gelungen sein könnte.

In Wahrheit hat Julian Charrière zwar etliche Stunden beim Fototermin auf isländischen Eisbergen zugebracht, aber geschmolzen hat er dort so gut wie nichts. Das macht die Natur von alleine, beziehungsweise der Mensch, dessen Verhalten die Klimaerwärmung in Gang gesetzt hat. Womit wir mitten im Thema wären. Die Ausstellung „Die Kräfte hinter den Formen“ – ein Zitat des Geologen und Künstlers Per Kirkeby – im Haus Lange und Haus Esters in Krefeld ist eine ebenso intellektuell tiefsinnige wie sinnliche Angelegenheit, die man keinesfalls versäumen sollte. Kuratorin Magdalena Holzhey stellt neben Charrière elf weitere Künstler vor, die sich in ihren Arbeiten kritisch mit Prozessen und Formkräften in der Natur auseinandersetzen. Der Mensch ist in irgendeiner Form immer Teil davon, sei es als Schöpfer, als Störenfried, als demütiger Betrachter oder sachlicher Dokumentarist.

Letztlich führt das zu der aktuell diskutierten Frage, ob wir also endgültig im Anthropozän, jenem Zeitalter, in dem der Mensch die Umwelt unwiederbringlich prägt, angekommen sind. Hier geht es zwar auch um eine kritische Auseinandersetzung damit, wie wir mit unserer Umwelt umgehen, aber plumpe Anklage-Kunst zu ökologischen Problemen wird man in der Ausstellung nicht sehen und das macht den Blick frei für wirklich interessante Begegnungen.

Ähnlich wie bei Charrière schimmert auch bei Giuseppe Penone hinter der offenkundigen Künstler-Hybris ein Augenzwinkern durch, das der Auseinandersetzung mit den Formen der Natur etwas Spielerisches gibt. Penone hat einen gefundenen Marmorblock exakt kopiert und präsentiert dieses Ebenbild nun als Kunstform. Flüchtige Phänomene oder solche, die am Rande der Wahrnehmbarkeit liegen, greifen Katie Paterson und Nina Canell auf. Paterson hat Schallplatten aus Gletscherwasser pressen lassen und spielt sie so lange ab, bis sie geschmolzen sind und nur noch ein Rauschen zu hören ist. Zu einer von Canells Arbeiten gehört eine abgehängte Decke, aus deren Lüftungsschlitz Luft mit um wenige Prozent angereichertem Sauerstoff strömt.

Die Sauerstoffanreicherung ist messbar, aber für die Besucher auch spürbar? Möglicherweise reicht schon das Wissen, um unsere Sinne zu schärfen. Das „Silk Piece V“, das Jens Risch aus einem 1000 Meter langen Seidenfaden in jahrelanger Fleißarbeit verknotet hat, erscheint in der Vitrine wie ein naturhaft gewachsenes Objekt mit Eigenleben. Direkte und natürliche Formbildungskräfte dagegen setzt die Forschungsreisende Ilana Halperin ein.

Sie ließ in einer Höhle in der französischen Auvergne Holzkörper mit Kalk überkrusten, und weil der Tropfsteinprozess an diesem speziellen Ort um ein Vielfaches beschleunigt abläuft, waren die Skulpturen schon nach vier Monaten anstatt nach 400 Jahren mit einer dicken Schicht Kalk bedeckt. Richtig lebendig wird’s dann bei Roger Hiorns. Seine Installation aus Edelstahlteilen, wie sie in Großküchen verwendet werden, produziert feinen Schaum, der unendlich langsam hervorquillt und den ewigen Kreislauf von Produktion und Verfall ironisch aufs Korn nimmt.

Dazu gehört ein am Boden liegendes Düsentriebwerk, aus dem nicht nur eine kleine Flamme züngelt, sondern auf dem auch ein nackter Jüngling Platz nimmt (immer mal wieder während der Performance-Zeiten). Wie gesagt, alles sehenswert in dieser Ausstellung und dazu gibt es auch noch einen großartigen Katalog.

Museen Haus Lange, Haus Esters Krefeld, Wilhelmshofallee 91-97, bis 31. Juli. Di-So 11-17 Uhr. Der Ausstellungskatalog mit Essays und Abbildungsteil ist im Kölner Snoeck Verlag erschienen (39,80 Euro).