"Malerei als Poesie" von Joan Miró: Die Buchstaben tanzen Ballett

"Malerei als Poesie" von Joan Miró : Die Buchstaben tanzen Ballett

Das damals dumpfe Barcelona drohte ihn zu ersticken, und so zog Joan Miró 1921 nach Paris. Hier sprang er kopfüber in den Kreativstrudel der Surrealisten und Dadaisten, die er schon bald an Wagemut übertraf. Dass ihn dabei Dichter mehr anregten als die Natur oder die Werke von Kollegen, zeigt die Düsseldorfer Kunstsammlung NRW in der spektakulären Ausstellung "Miró - Malerei als Poesie".

Schon früh hatte der Spanier (1893-1983) seine Inspirationsquellen offenbart: Ein Gemälde von 1917 zeigt neben einem Goethe-Buch auch den Schriftzug der von Pierre Reverdy und Guillaume Apollinaire gegründeten Literaturzeitschrift "Nord-Sud". In Düsseldorf sind nun auch die (nachgekauften) Bücher seiner Bibliothek für die Besucher zum Schmökern freigegeben: Alfred Jarry, Dostojewski, Shakespeare, Rimbaud sowie "alles von Freud".

Miró war überzeugt: "Bei Malerei und Dichtkunst verhält es sich wie bei der Liebe - ein Blutaustausch, eine innige Umarmung, ohne Rücksicht, ohne Schutz."

Bald genügte es ihm nicht mehr, aufgeschlagene Bücher in seinen Stillleben zu drapieren (wie Jean Cocteaus "Le Coq et L'Arlequin"). Nun schuf er selbst "Bild-Gedichte" voll verrückter Rätsel. Seine "spanische Tänzerin" ist nur als Linienskelett zu sehen, stattdessen formen Schalltrichter und -wellen nur die Flamenco-Anfeuerung "Olée". Bizarre Titel wie "Sterne im Geschlecht von Schnecken" tanzen ihr Buchstabenballett über dunklem Malgrund, und manchmal besteht das ganze Gedicht nur aus einem Wort: "Amour" ist als Leihgabe des Kölner Museum Ludwig eines der frappierend verknappten Gedichte. 1938 malt Miró das undechiffrierbare Werk "Ein Stern liebkost die Brust einer Schwarzen", und im gleichen Jahr konstatiert André Breton, der Spanier sei "der Surrealistischste von uns allen".

So gründlich die rund 110 Werke umfassende Schau dem Malerdichter huldigt, so zeigt sie doch noch viel mehr: die vorübergehende Flucht ins Monochrome sowie die düsteren Bildreflexe auf politische Krisen. Vor allem aber lässt sich die Entstehung seines universell verständlichen Zeichenkosmos nachvollziehen, der Sternbilder, Vögel, Frauen und Kopffüßler in bunten Fabelwelten vereint.

Buchstaben und kalligrafische Zeichen bilden gewissermaßen eine Ursprache, die fast ins Abstrakte reduziert wirkt. So scheint der Fries "Die Schlange des Aberglaubens" das magisch-symbolische Denken früher Hochkulturen zu spiegeln.

Insgesamt spielt der harmlos-heitere (und deshalb gern unterschätzte) Miró in dieser Ausstellung eher eine Nebenrolle. Der stilisierte "Flug des Vogels über die Ebene" wirkt eher bedrückend als befreiend, und der Tanz der "Rhythmischen Figuren" erscheint eher dunkel-verschwörerisch als beschwingt.

Der Katalane hatte seit den 30er Jahren unter Spaniens Politik gelitten, und in der Gärungsphase der 60er Jahren wehrte er sich auf seine Weise: Mit ungewohnt zornigen Werken, deren krasse Schwarz-Weiß-Kontraste daneben nur noch winzige Farbakzente dulden. Da glaubt, man ein kraftvoll in die Bildmitte geballtes Monster oder gespenstische Höllenvisionen zu sehen. "Silence" lässt sich fast als Gleichnis auf Zensur und Unterdrückung lesen, während man seine Illustrationen zu Alfred Jarrys "König Ubu" als krasse Franco-Karikatur deuten kann.

Das Spätwerk beschwört nach Franz von Assisis "Sonnengesang" zwar wieder die Harmonie von Kosmos und Mensch. Doch auch Melancholie schleicht sich ein. So hängt hier manchmal eine pechschwarz ausgeglühte Sonne über kahler Ebene. Überhaupt scheint den Künstler zuletzt eine Art Faszination der Leere erfasst zu haben, wie "Wassertropfen auf dem rosafarbenen Schnee" als eins der schönsten Werke zeigt.

Kunstsammlung NRW; bis 27. September. Di-Fr 10-18, Sa/So/Feiertags 11-18 Uhr. Jeden 1. Mittwoch im Monat 10-22 Uhr. Katalog 29,90 Euro.

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