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VIDEONALE.15 in Bonn: Der Ruf der Wildnis

VIDEONALE.15 in Bonn : Der Ruf der Wildnis

In der kommenden Woche startet das Video-Festival mit einer Ausstellung im Kunstmuseum Bonn und einem umfangreichen Rahmenprogramm.

Bilderrauschen, Flimmern, Wackeln, ein Sound wie aus einer rostigen Blechbüchse: Als die Videokunst laufen lernte, gehörte das mehr oder weniger freiwillig zur typischen Ästhetik. Im vergangenen Sommer konnte man Beiträge aus der Pionierzeit des Mediums im Bonner Kunstverein sehen.

Anlass: Der Rückblick auf 30 Jahre Videonale, das deutsche Videofestival der ersten Stunde, das 1984 erstmals in Bonn über die Bühne ging. Teil eins des Rückblicks lief im Kunstverein, Teil zwei nun im Rahmen der in der kommenden Woche im Kunstmuseum Bonn beginnenden Videonale.15. Dreißig Jahre Entwicklung seit den Pioniertagen, das bedeutet rasanten technischen Fortschritt in einer Umgebung vieler konkurrierender Medien. Computerspiele und industrielle Musikclips, Kurzfilmformate und Videoinstallationen, Dokumentarisches, Narratives und Performatives: Die aktuelle Videokunst spiegelt diese verschiedenen Einflüsse, und natürlich wird auch die 15. Bonner Videonale Bestandsaufnahme und Ausblick in einem sein.

Erstmals hat sich das Festival unter Leitung von Tasja Langenbach ein Motto gegeben: "The Call of the Wild" soll das Feld des "Wilden" erschließen, das Fremde, Unbekannte in Bild- und Denkräumen erforschen. Es gehe, so Langenbach, darum, "labile Räume" aufzusuchen und Fragen nach neuen gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und ästhetischen Konstellationen zu stellen. Die Wahl eines Themas hat aber auch eine praktische Komponente: Sie bündelt das Spektrum, schafft Konzentration und reduziert das Teilnehmerfeld. Musste die Jury für die letzte Videonale noch mehr als 2100 Beiträge sichten, waren es diesmal "nur" 1200 Einsendungen aus 76 Ländern. Die Jury wählte 38 Positionen aus 19 Ländern für die Videonale-Schau im Kunstmuseum aus.

Wie sieht das Wilde aus? Vielleicht so wie im wunderbaren Film "Death Fucking Metal" des Belgiers Koen Theys, der auf einer langsam rotierenden Bühne die kläglichen Überreste einer Heavy-Metal-Band zeigt. Rauch steigt auf, hier ein trauriger Akkord, dort eine dünne Stimme, die wilden Männer sind auf einer Insel gestrandet. Die Party ist vorbei. Das Wilde in jedem von uns spiegelt Christoph Faulhabers rasante Collage "Jedes Bild ist ein leeres Bild", eine beeindruckend wilde Mischung aus Computerspielen, unterschiedlichen Realitätsebenen, Reportageelementen und mehr oder weniger ausgeprägten Allmachtsfantasien. Softer geht es zu in Constantin Hartensteins sehr elegantem und hoch ironischem Werbevideo für den modernen Mann. Das Mantra lautet: "Du bist besser als der andere Mann."

Eine andere Botschaft. "Folge deinem inneren Kompass - das hört sich an wie eine Bierreklame": Das was sich die Schauspielerinnen Bettina Wiehler und Mara Widmann in Jos Diegels Film in einem bayerischen Dorf gegenseitig um die Ohren hauen, ist eine Mischung aus hoher Philosophie und Ratgeberliteratur. Kurzweilig ist dieses Scharmützel allemal.

Ganz stark ist in diesem Jahr das Feld der Dokumentationen bestückt: Udita Bhargavas Geschichte über den elfjährigen Imraam in der Spielhölle Carrom-Club im Slum von Mumbai begeisterte schon beim Kurzfilmfestival in Oberhausen (3sat-Förderpreis), Wim Catrysses "MSR" ist ein packender Film über die Versorgungsachse für die Irak-Kriege 1990/91 und 2003 westlich von Kuwait, wo heute Hunderudel im hinterlassenen Müll und Wüstenstaub nach Essbarem suchen.

Kerstin Honeit geht der Wildschweinpopulationen im Berliner Grunewald nach, Pauline Boudry und Renate Lorenz diskutieren bei einem Zusammentreffen einer Punk-Figur und einer Drag Queen im Film "Toxic" Geschlechterrollen und Pop-Mythen. Surreale Welten erschließt schließlich Karolina Bregula im Beitrag "Obraza": Mitten in der Plattenbau-Tristesse wachsen Kleeblätter. Nicht auf Beton, sondern an allen möglichen Körperstellen der Bewohner.

Videonale-Chefin Tasja Langenbach geht in Folge 15 konsequent den Weg weiter in Richtung Internationalisierung und Intensivierung des Festival-Programms, das die Schau im Kunstmuseum begleitet. Die ersten Tage sind gefüllt mit meist in englischer Sprache präsentierten Filmvorführungen, Diskussionsrunden, Vorträgen und Künstlergesprächen. Um die Kunst und das omnipräsente Internet kreist etwa ein Forum, ein anderes beleuchtet die dunklen Seiten der Netzkultur, besucht "Deep Youtube" und "Weird Twitter" und springt in die Post-Internet-Kunst. "After the Internet. Schöne neue Bildwelten" ist eine Runde im Auditorium des Kunstmuseums überschrieben. Wie der Internet-Browser zur Leinwand wird, soll ein Vortrag der Expertin für digitale Medien, Julia Jochem, erklären.

Dem britischen Filmemacher Isaac Julien, seit 2009 Professor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, ist eine Werkretrospektive gewidmet, Lawrence Weiner, Pionier der Konzeptkunst, ist mit zentralen Arbeiten in einer weiteren Retrospektive vertreten, die das Festival Mitte April beendet, bevor man schon aufs nächste Festival blickt, die Videonale in Lagos. Die Videonale.15 bleibt nicht aufs Kunstmuseum beschränkt. Die ganze Stadt Bonn soll bespielt werden, also hat Langenbach den Videonale-Parcours ausgeweitet. Bis zum 22. März bereichern insgesamt neun weitere Spielorte von Basecamp Bonn bis zum LVR-Landesmuseum das Angebot: Präsentiert werden insgesamt 19 studentische Werke dreier Kunsthochschulen - Saarbrücken, Köln und Stuttgart.

Videonale.15 in Bonn (26. Februar bis 19. April): Das Festival-Programm

Eröffnung am Donnerstag, 26. Februar, 20 Uhr im Auditorium des Kunstmuseums. Im Rahmen der Eröffnung wird eine herausragende Arbeit mit dem Videonale Preis der KfW Stiftung ausgezeichnet. Im Foyer: Performance von Alexander Pascal Forré.

Eröffnungswochenende (Veranstaltungen, wenn nicht anders angegeben im Kunstmuseum Bonn)

Freitag, 27. Februar

11 Uhr: Panel "The Act of Liberation. Rage against the Machine" mit Christoph Faulhaber (Künstler, Hamburg), Ole Reißmann (Redakteur Spiegel Online, Ressort Netzwelt, Hamburg), !Mediengruppe Bitnik ( Zürich/London). Moderation: Julia Draganovic (Direktorin Kunsthalle Osnabrück). Diskutiert werden Frage wie: Worin besteht das hybride Potenzial vernetzter Medien und wie protestieren Künstler gegen diese scheinbare Freiheit im Internet? Künstlerführungen von 12.45 bis 13.15 Uhr. Künstlergespräch "Change of Position" mit Ayla Pierrot Arendt, Pauline Boudry & Renate Lorenz und Vika Kirchenbauer.

15.30 Uhr: Vortrag "Maps of Myths: Memory space an digital Remembrance in the Egyptian Revolution" von Heba Amin.

17-17.45 Uhr: Präsentation "Detour" mit Amado Alfadni (Direktor Nabta Art & Culture Center, Kairo), Tasja Langenbach (Künstlerische Leitung der Videonale), Jan Hoeft (Künstler, Köln) und Patrick Rieve (Künstler, Köln)

18 Uhr: Performance von Balz Isler auf dem Vorplatz des Kunstmuseums.Gratwanderung zwischen Konsum, Kommerz und feinfühligem Interesse.

18-20 Uhr: Videonale-Parcours mit den Stationen Basecamp Bonn, Bonner Kunstverein, Das Esszimmer, Fabrik 45, Frankenbad, Gesellschaft für Kunst und Gestaltung, Künstlerforum, Kunstmuseum Bonn, LVR-Landesmuseum

20.30 Uhr: Get Together in der Fabrik 45, Konzert "Halfway house von Hall&Rauch" und um 22 Uhr Videonale-Party

Samstag, 28. Februar

11-11.30 Uhr: Performance "Wild wild Web. Internet Culture between Art an Abyss" mit Ole Reißmann (Spiegel Online) und Hakan Tanriverdi (Freier Journalist). In den düsteren Ecken des Webs, jenseits von Hype und Kommerz, hat sich über die Jahre eine eigene Netzkultur entwickelt.

11.30 - 13 Uhr: Panel "After the Internet. Schöne neue Bildwelten" mit

Uri Aviv (Direktor Utopia, Tel Aviv), Knut Ebeling (Weißensee Kunsthochschule Berlin) und Elodie Evers (Kunsthalle Düsseldorf). Moderation: Sabine Maria Schmidt (Kuratorin). Der Internetboom der 90er und die künstlerische Erkundung des Internets.

14-15 Uhr: Künstlergespräch "Future perfect" mit Künstlern der Videonale,

Amina Handke, Constantin Hartenstein und Neozoon. Moderation: Carla Donauer (Kölnischer Kunstverein)

16 Uhr: Vortrag "Artonyourscreen - using the browser as canvas" von Julia Jochem (ZKM Karlsruhe)

17 Uhr: Get together in der Bundeskunsthalle in Kooperation mit Sprüth Magers und dem Institut français Bonn; Uraufführung von "The humans" von Alexandre Singh.

Sonntag, 1. März

14-20.30 Uhr: Retrospektive Isaac Julien, kuratiert von Olaf Stüber. Der Künstler ist zu allen Programmen anwesend.

Während der Laufzeit der Ausstellung (27. Februar bis 19. April im Kunstmuseum Bonn) gibt es ein reichhaltiges Programm mit Vorträgen und Präsentationen.

Vom 27. Februar bis 22. März läuft der Videonale-Parcours mit folgenden Stationen und Künstlern: Basecamp Bonn (Alisa Berger), Bonner Kunstverein (Max Grau), Das Esszimmer (Katharina Jabs), Frankenbad (Raphael Sbrzesny), Fabrik 45 (Alisa Berger und Lena Ditte Nissen); Gesellschaft für Kunst und Gestaltung (Julius Brauckmann, Daniela Risch), Kunstmuseum Bonn (Alexander Pascal Forré, Sören Hiob und Jan-Hendrik Pelz), Künstlerforum (Natalie Brück, Anna Jochum) und LVR-Landesmuseum (Bastian Hoffmann, Lena Ditte Nissen und Johannes Stoll.

Abschluss unter anderem mit einer Retrospektive von Lawrence Weiner am 18. April im Kunstmuseum

Weitere Informationen: v15.videonale.org