Theater Bonn: Der neue Herr der Kammerspiele

Theater Bonn : Der neue Herr der Kammerspiele

Jens Groß wird ab der Spielzeit 2018/19 die Schauspieldirektion des Theaters Bonn übernehmen. Das hat das Theater am Freitagmorgen mitgeteilt.

Ende Dezember 2016 hat die Bonner Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp ihren Abschied angekündigt. Zum Ende der Spielzeit 2017/18 werde sie Bonn verlassen. Um die Nachfolge, sagte im Dezember Generalintendant Bernhard Helmich, werde sich nur einer kümmern: „Ich.“ Er werde nach einer Persönlichkeit suchen, die mit dem Theater kompatibel sei – und „bereit, sich auf die Stadt einzulassen“.

Nach nicht einmal drei Monaten ist am Freitag weißer Rauch aufgestiegen. Jens Groß, seit 2015 Bramkamps Stellvertreter am Bonner Theater, wird mit Beginn der Saison 2018/19 den Chefposten übernehmen. Am Freitagmorgen unterschrieb er seinen Vertrag.

Das hätte Helmich doch eigentlich schneller haben können, der Neue war ja schon im Hause. Nein, sagte Helmich am Freitag, für eine Ad-hoc-Berufung habe es keinen Grund gegeben. Zum einen habe es „ein großes Interesse von anderen Kandidaten“ gegeben, was ihn gefreut habe. Zum anderen hätten Helmich und Groß intensive Gespräche geführt. Wichtiges Thema des Austauschs: die, bürokratisch korrekt ausgedrückt, „Instandsetzungsarbeiten“ in den Kammerspielen Bad Godesberg. Die Sanierung des Hauses, die zu einer zwölfmonatigen Schließung führen könnte, hat Folgen für Premieren und Spielplangestaltung. Eine solche Ausgangslage für eine neue Theaterleitung sei „alles andere als selbstverständlich“, betonte Helmich. Viele Details der Instandsetzung seien jedoch noch völlig unklar.

Der Dramaturg Jens Groß wurde 1959 in München geboren. Er hat in Wien, Braunschweig, Hannover, München, Frankfurt, Dresden, Berlin, Köln und Bonn berufliche Erfahrungen gesammelt. Köln und den Schauspielintendanten Stefan Bachmann verließ er 2015 aus einem einfachen Grund: Die Chemie stimme irgendwie nicht, erklärte Groß seinen Abschied. Das ist in der Beziehung zu seiner Kollegin Nicola Bramkamp ganz anders. Hier ist viel Harmonie im Spiel, die Chemie stimmt. Groß betrauert den Weggang der amtierenden Chefin, die im Mai ihren letzten Spielplan vorstellen wird. Bonn, immerhin, wird dem neuen Schauspielchef bleiben. Er habe sich „ein wenig verliebt in diese Stadt und diese Kammerspiele“, bekannte er am Freitag. Das Haus in Bad Godesberg sei „ein wahnsinnig schön zu bespielendes Theater“. Nun steht es aber vor einer noch konkret auszuarbeitenden Sanierung. „Ja, es ist eine Herausforderung“, sagte Groß über seine neue Aufgabe. Einen ruhigen Alterssitz habe er sich nicht ausgesucht.

Der Architektensohn hofft auf kluge Lösungen. Er hat Unterstützung. Den neuen technischen Direktor Jens Lorenzen kennt Groß noch aus einer Kölner Zeit.

Jens Groß verkörpert Kontinuität, es werde programmatisch und inhaltlich keine grundsätzliche Änderung geben, glaubt Generalintendant Helmich. Auch fürs Ensemble sei kein Neuaufbau vorgesehen. Helmich lobte besonders die Kommunikationsfähigkeit seines neuen Schauspielchefs: „Das muss man erst mal können.“ Der Intendant hat recht. Wer Groß mit Schauspielern erlebt, merkt schnell, dass der Mann immer den richtigen Ton im Umgang mit den sensiblen Kreativkräften findet.

Nicola Bramkamp, der Groß 2018 nachfolgt, hat Maßstäbe gesetzt. Man denke nur an die Inszenierung von „Nathan“ nach Lessing und mit Spieltexten von Muslimen in den Kammerspielen. Bonn, Bad Godesberg, Salafisten und Bomben wurden an diesem Theaterabend in einem Atemzug genannt. „Waffenschweine“ beschäftigte sich mit schlagenden studentischen Verbindungen, „Bilder von uns“ mit Missbrauch in einer Bonner Schule. In Bonn hat sich die Schauspielchefin aber nicht nur Freunde gemacht. Manchen Zuschauern waren sie und ihr Team häufig zu projektverliebt unterwegs, statt die Auseinandersetzung mit echten Theaterstoffen ins Zentrum der Arbeit zu stellen.

Von Groß darf man erwarten, dass er bei aller Kontinuität eigene Akzente setzen wird.

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