Der Haifisch braucht Futter

Saubere Arbeit: "Titanic" bei den Figurentheatertagen in der Bonner Brotfabrik

Bonn. Die "Titanic" ohne Eisberg, das ist wie Firmen ohne Pleiten oder Theater ohne Krisen - nicht nur finanzielle. Der prächtige bühnenfüllende Luxusdampfer, den das Berliner "Weite Theater" im Rahmen der Figurentheatertage in der Brotfabrik auf große Fahrt schickte, kriegt denn auch genau zum richtigen Zeitpunkt seine Breitseite ab.

"Saubere Arbeit is das, kann man nich meckern", kommentiert norddeutsch lässig einer der Matrosen den sehnsüchtig erwarteten Crash, bleibt aber stabil auf Kurs. Spätestens da weiß man, dass in diesem Szenario mit "UG" (Untergangsgarantie) noch mehr Theater im Spiel ist, als man bis dahin vermutet hat.

Ein frisch vermähltes Paar trifft sich auf dem Promenadendeck zu einem absurden Dialog aus der "Kahlen Sängerin", der junge Dichter, der seekrank über der Reling hängt, heißt Behringer wie Ionescos literarisches Alter Ego.

Ein dubioser Graf zitiert den Traum des Dieners aus Strindbergs "Fräulein Julie", die aufgetakelte alte Sängerin mit ihrem quengeligen Gatten im Rollstuhl trällert ein paar schräge "Carmen"-Töne, Shakespeare schillert durch verschiedene Kabinenklassen.

Die Gauner vom Unterdeck, die aus der Besitzerin des legendären "Klunkers" Haifischfutter machen möchten, gibt''s natürlich auch. Die berühmte Liebesszene über den Ozeanwellen ist ebenso filmreif wie der Bericht vom Tauchgang durch die überfluteten Flure.

Nass wird dabei jedoch keiner, auch wenn am Ende fast alle über Bord gehen. Die schrillen Puppen, die - virtuos geführt von den kessen "Matrosen" Irene Winter, Torsten Gesser und Martin Karl - klein oder lebensgroß den Dampfer mit ihren verrückten Geschichten bevölkern, sind nur Versuchsobjekte.

Die Puppenspieler geben ihnen viel lebendigen Freiraum, rufen sie als menschliche Mit- und Gegenspieler aber auch ironisch zu genau der Raison, die diese Kunstwesen gar nicht haben können. Die Rollenspiele, zu denen sie von ihrem brutal kapitalistischen Firmenchef abkommandiert wurden, generieren dennoch mehr individuelles Chaos, als bei dem zur Betriebskonsolidierung inszenierten "konsequenzreduzierten Probehandeln" geplant war.

Ein wenig erinnert der Plot an Moritz Rinkes "Republik Vineta". Die brauchte als Mythos allerdings keine Untergangsgarantie, um irgendwo zu verschwinden. Der Mythos "Titanic" ist zäher.

In der witzigen Regie von Markus Joss säuft das intelligent konstruierte Stück mit seinen differenzierten Spielebenen allenfalls im virtuellen Zitatenozean ab, bleibt aber ein hübsch doppeldeutiger Trockenschwimmkurs in sicherer Badewannennähe. Obwohl die Dramaturgie ab und zu auf den Schiffsplanken ausrutscht: höchst amüsantes Figurentheater für Erwachsene und allein deshalb schon ein seltenes Ereignis.

Noch eine Aufführung zum Abschluss der Figurentheatertage am Dienstag, 29. April, 20 Uhr. Karten: (0228) 42 13 10.