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Georg Baselitz: Der gefürchtete Provokateur wird 75 Jahre alt

Georg Baselitz : Der gefürchtete Provokateur wird 75 Jahre alt

Der Starkünstler wird heute 75 Jahre alt und teilt mächtig aus: Gegen Walser, ignorante Sammler und Frauen, die nicht malen können.

Er kann es nicht lassen, auch wenn er heute seinen 75. Geburtstag feiert, ein Etappenziel, das viele Gleichaltrige entspannt und altersmilde begehen: Georg Baselitz, international begehrter Malerstar, Bildhauer und gefürchteter Provokateur, sprüht nur so vor Aktivität.

Künstlerisch muss und darf man sich bei dem unter dem Namen Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz in der Oberlausitz (DDR) geborenen und heute in einem edlen Domizil der Stararchitekten Herzog & de Meuron (Elbphilharmonie) am Ammersee lebenden Künstler immer auf Überraschungen gefasst machen. Und verbal steht er dem nicht nach: Gerade hat der Jubilar im "Spiegel" die Keule ausgepackt, auf Journalisten niedersausen lassen, denen er schon einmal "pandemische Verblödung" attestiert hatte; auf Museumsleute, die Baselitz' Wert nicht erkennen.

Das Rheinland habe sich als Kunstzentrum abgemeldet - und Berlin jetzt auch. Ignorante deutsche Sammler, ein Publikum, das sich von der echten, zeitgenössischen Kunst entfernt habe, Schriftsteller, die sich an den Zeitgeist anbiedern - Baselitz widert das alles an. "Günter Grass finde ich wirklich furchtbar. Walser ebenso. Enzensberger ebenso", klagt der Maler, der Walser die "Blase vom Bodensee" nennt. Für die Erfolglosigkeit von Frauen auf dem Kunstmarkt hat Baselitz nur eine ziemlich dumme Erklärung: "Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt." Gleichwohl: "Ich liebe die Frauen."

Wer mit ihm 2004 durch seine große Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle schlenderte, erlebte einen ganz anderen Baselitz. Hochkonzentriert, sensibel, staunend, geradezu demütig vor seinem Lebenswerk fing er an zu grübeln: "Im Moment interessieren mich die Bilder der Jahre 1969 bis 1971. Dort entdecke ich wieder eine große Qualität, etwas, das fortsetzbar ist und eine sehr hohe Aktualität in Bezug zur heutigen Kunst hat. Meine wilden 80er-Jahre sind für mich im Moment weniger interessant, aber das wird sich ändern."

Und auf die tausendfach gestellte Frage nach seinem Markenzeichen, dem Drehen der Motive, und was passiere, wenn die Welt auf dem Kopf stehe, antwortete er geduldig: "Die Irritation finde ich wunderbar. Ich versuchte - jenseits der totalen Abstraktion - der Fatalität der Realität, dem Vergleich mit dem Realen zu entrinnen. Ich wollte den Gegenstand behalten. Aber: Wie komme ich zum neuen Bild? Ich ließ die Gegenstände fliegen, malte eine Feuerbach-Landschaft verkehrt herum, isolierte sie aus der Umgebung. Der Schock funktioniert immer noch."

Der Schock funktioniert immer noch. Und die Bilder tun es auch. Das ist Baselitz' Geheimnis. Seine derb mit grobem Pinselstrich hingehauenen hässlichen "Helden", die in dreckigen Farben gemalten Männer, Frauen und Hunde, die bleiernen Landschaften und grob behauenen Holzblöcke behalten über die Jahrzehnte ihre Faszination und Gültigkeit.

Baselitz, der sein Kunststudium in Ost-Berlin wegen "gesellschaftlicher Unreife" abbrechen musste und 1958 in den Westen übersiedelte, um nach einer längeren Durststrecke einer der wichtigsten Künstler der Bundesrepublik zu werden, hat sich fortwährend bewegt. Er provozierte mit dem Gemälde eines onanierenden Jungen in "Die große Nacht im Eimer" (Museum Ludwig, Köln), verstörte mit der "Hand Gottes" und dem monumental aufgeladenen "Straßenbild" (beide Kunstmuseum Bonn), blickte mit der Reihe der "Russenbilder" auf seine Biografie in der DDR zurück, versuchte mit den komplexen "Frakturbildern" und dem Clou, das Motiv einfach auf den Kopf zu stellen, gegen das so oft beschworene Ende der Malerei anzukämpfen.

Mit seiner Malerei ist er offenbar noch lange nicht am Ende: Sie ist in der Technik flüchtiger, leichter geworden, und doch sind die Bilder nicht weniger radikal als das Frühwerk, das er sich vor Jahren unter dem Oberbegriff "Remix" wieder vornahm.