Serie zur Ausstellung "Goethes Welt": Der Dichter Goethe als Trendsetter

Serie zur Ausstellung "Goethes Welt" : Der Dichter Goethe als Trendsetter

Mit einer Serie hat der GA die aktuelle Ausstellung "Goethes Welt" der Bonner Bundeskunsthalle begleitet. Die Artikelreihe geht mit einem Blick auf die Italiensehnsucht zu Ende.

Nichts als Ärger mit dem Illmenauer Bergbau, auch bei der Aushebung von Rekruten für die Armee geht es nicht recht voran, und über allem schwebt wie ein Damoklesschwert die hohe Staatsverschuldung. „Es weis kein Mensch was ich thue und mit wieviel Feinden ich kämpfe um das wenige hervorzubringen“, notiert 1779 der Minister, Geheime Legationsrat und Berater des acht Jahre jüngeren Herzogs Carl August namens Johann Wolfgang Goethe in seinem Tagebuch. Der nach dem Herzog zweitmächtigste Mann in Weimar fühlt sich gestresst durch seine zahlreichen administrativen Verpflichtungen, zumal nicht alle davon erfolgreich enden.

Auch privat läuft es nicht so richtig. Goethes Beziehung zur sieben Jahre älteren, verheirateten Hofdame Charlotte von Stein, die sich bis zu ihrem Ende in 1770 Briefen, Biletten und Nachrichten niedergeschlagen haben wird, gestaltet sich zunehmend schwierig. Eine Lebens- und Sinnkrise, die sich verschärft, als dem Dichter bewusst wird, dass er seiner literarische Berufung seit vielen Jahren nicht mehr nachgekommen ist.

Am 2. September 1786, einen Tag vor seinem heimlichen Aufbruch aus Karlsbad, schreibt Goethe seinem Landesherrn: „Dieses alles und noch viele zusammentreffende Umstände dringen und zwingen mich in Gegenden der Welt mich zu verlieren, wo ich ganz unbekannt bin.“ Damit das so bleibt, tritt der damals 37-jährige Dichter unter dem Pseudonym Philipp Möller von einer Kur aus mit einer nächtlichen Postkutschenfahrt seine Reise nach Italien an, die ihn über Verona, Vicenza und Venedig nach Rom führt.

Aller guten Dinge sind in diesem Fall vier, denn es ist Goethes vierter Anlauf zu dieser lang ersehnten Reise, in deren nahezu zweijährigem Verlauf sein Inkognito sich von Möller über Müller und Miller bis zum „russifizierten“ Milleroff wandelt, wie Christian Hecht in seinem Katalogbeitrag zur Bonner Ausstellung schildert. Nur unter falschem Namen, so scheint es, konnte es dem Dichter gelingen, die gesellschaftlichen Pflichten, die einen Weimarer Minister auch in der Ferne eingeengt hätten, abzustreifen und ein einfaches Leben inmitten von Künstlern und Freigeistern zu führen. Eine Überzeugung, die Goethe Jahre nach der Italienreise gegenüber Johann Peter Eckermann äußerte: „Flucht nach Italien, um sich zu poetischer Productivität wieder herzustellen. Aberglaube, daß er nicht hinkomme, wenn jemand darum wisse.“

Eine Art Künstler-WG beim deutschen Maler Wilhelm Tischbein

Flucht, Auszeit, Bildungsreise nach dem Vorbild der klassischen Grand Tour oder einfach ein Tapetenwechsel? Goethes Italienreise hat von allem etwas – und liefert damit die Blaupause für Reisende, Sinnsucher und Italiensehnsüchte späterer Jahrhunderte.

In Rom wohnt Goethe in einer Art Künstler-WG beim deutschen Maler Wilhelm Tischbein, der mit „Goethe in der Campagna“ eines der bekanntesten Porträts des Dichters in der Pose des klassischen Bildungsreisenden auf den Spuren der Antike malte. Jenseits dessen finden sich in der Bonner Schau viele Momentaufnahmen alltäglicher Situationen des Künstlerlebens. Skizzen zeigen Goethe am Fenster der römischen Wohnung oder kippelnd auf einem Stuhl. Damenbesuche insinuiert Tischbeins Zeichnung „Das verfluchte zweite Kissen“, und Biografen spekulieren darüber, ob die Urlaubsliebelei mit der Römerin Faustina das erste sexuelle Erlebnis für den Dichter bedeutete.

Ein Leben, das dem Freiheitsgefühl und dem Nonkonformismus heutiger Reisender, aber auch dem Bedürfnis, die gewonnenen Eindrücke zu konservieren, entspricht. Anstelle von Fotos oder gar Selfies zeigt die Bundeskunsthalle ein Blatt, auf dem der Dichter den Vollmond über der Cestius-Pyramide festgehalten hat und das ihn als nicht untalentierten Zeichner ausweist. Der Dichter als Trendsetter, auch in Bezug auf die notwendige Inspiration. Seine Antikenstudien, auch auf der Weiterreise nach Neapel und Sizilien, der Kontakt zu Renaissance, Natur und Klima sind es neben dem Umgang mit den Künstlerfreunden, die Goethe und seine Dichtkunst wiederbeleben.

„Wiedergeburt“ oder „neue Jugend“ nennt der Dichter, was ihm in Italien wiederfährt und sich in der Versform der „Iphigenie auf Tauris“, der Vollendung des „Egmont“ und der Arbeit an „Torquato Tasso“ niederschlägt. Eine Reise, die nachwirkt. Nicht nur bei Goethe selbst, der zwar erst Jahre später eine Reisebeschreibung basierend auf seinen Tagebüchern verfasst, aber sofort nach seiner Rückkehr nach Weimar als Konsequenz sein dichterisches Wirken von seinen politischen Ämtern trennt. Sondern auch bei allen Reisenden nach ihm, die auf der Autostrada del Sole gen Süden rollten, um Goethes Arkadien für sich selbst zu entdecken. Eine Sehnsucht nach dem Land, wo die Zitronen blühen, die bis heute anhält.

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