Kölner Festival Acht Brücken: Das Publikum arbeitet mit

Kölner Festival Acht Brücken : Das Publikum arbeitet mit

Mit der Fallgeschwindigkeit eines Guillotine-Beils und zuckendem Licht über das gesamte Klangspektrum eines Orchesters eröffnete der Dialog zwischen einem Dichter und einem Philosophen eine Diskussion, die nunmehr mehr als 25 Jahre währt. Ein Werk, das zur 200-Jahr-Feier der französischen Revolution begonnen wurde, fand jetzt vorläufig ein Ende.

Es handelte sich um ein über die Jahre gewachsenes Stück aus der Feder des Italieners Marco Stroppa, das er zum aktuellen Thema "Musik. Politik?" um einen letzten Satz erweitert hat, ein Auftrag des Kölner Festivals Acht Brücken. Stroppa perfektioniert seine Fertigkeiten, ganz besondere Akzente, Zustände und Entwicklungen zu notieren, die ein höchst spezielles Instrumentarium bevorzugen und einen gewaltigen Tonumfang.

Deshalb bespielt die Flötistin nach und nach vier Flöten, Bassinstrumente sind gefordert, Streicher arbeiten in Glissandi und im Flageolett. Heraus kommen Himmelfahrts-ähnliche Decrescendi mit flüsternden Zimbeln und im jetzt uraufgeführten Teil Gedankenströme aus klar blubberndem Wasser im Holz: sinnliche Momente in einem etwas zu opulenten Ganzen, dem in der autorisierten Selektion einzelner Module ein erfolgreicher Weg winkt. Eröffnendes Neuwerk im Konzert mit dem Ensemble intercontemporain und dem Dirigenten Pablo Heras-Casado in der Kölner Philharmonie nannte der Tonsetzer Yoshiaki Onishi "Tramespace". Hier mischen sich Töne und Geräusche, letztere entstehen durch geblasene Instrumente ohne Mundstück oder umgekehrt. Auch wird der Corpus getrommelt: Klopfen an der Harfe und pochen auf stumm geschalteter Flügeltastatur ergibt als Morsezeichen typische Werkgeräusche eines klassischen Webstuhls. "Trame" nennt sich nämlich der Schlussfaden bei der Textilherstellung, hier verkettet mit Espace, einem gewebten neuen Raum - nur eine Impression im Stückverlauf.

Eine "Messa in scena" nannte Luciano Berio sein Musiktheaterstück "Passagio", an diesem Abend der Klassiker der Moderne, ein wirklich buntes Konzert. Zwei Dutzend "Kölner Vokalsolisten" saßen jetzt vor dem Orchester. Mischklänge aus vokalen und instrumentalen Tönen waren bereits Anfang der Sechziger Berios Spezialität. Hierzu kamen allerdings noch fünf kleine Chorgruppen, die im Publikum platziert und mit Holzklappern und Trillerpfeifen bewaffnet wurden.

Zwischenrufe skandierte diese Chorabteilung gleich zu Beginn, noch bevor die Gefangene ihren Koffer auf die Bühne schleifte. Es geht in dem Stück, uraufgeführt 1963 in Mailand, um die Knechtschaft der Frau in der männerdominierten Gesellschaft. Die Sopranistin Julia Henning sang die gefangene "Sie", eine anspruchsvolle und hier begeisternd spielerisch gemeisterte Partie. Michael Ostrzyga und Christoph Maria Wagner hatten die Chöre ausgezeichnet präpariert, und so zischte und pfiff es um die übersichtliche Fangemeinde herum, ein Megafon schaltete sich zu, das Tutti auf der Bühne tat ein Übriges. Als "Sie" den Saal mit einem Türknall verließ, übernahmen die Publikums-Chöre die Arbeit von Claqueuren - das zündete im ganzen Saal.

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