Ausstellung der Türkin Banu Cennetoglu: Das Porträt einer Gesellschaft

Ausstellung der Türkin Banu Cennetoglu : Das Porträt einer Gesellschaft

Es sieht wie bei einem Einzug in ein neues Haus aus. Die Wände im Bonner Kunstverein sind frisch gestrichen, die Regale noch nicht eingeräumt.

Die Handschrift der Britin Michelle Cotton, die vor fast einem Jahr als Nachfolgerin von Christina Végh und neue Direktorin des Bonner Kunstvereins vorgestellt wurde und vor rund einem halben Jahr ihren Dienst in der ehemaligen Blumenhalle am Hochstadenring angetreten hat, ist aber auch anderswo spürbar. Die Einladungskarten sind auf Englisch und Deutsch, die Typografie neu - alles von der britischen Design-Agentur Kellenberger-White entworfen, die unter anderem die Frieze Foundation und die British Library als Kunden hat.

Die neue Handschrift betriff auch Inhaltliches. So verrät die Einladungskarte für das Wochenende der Jahresgaben (5., 6. Dezember) Namen etlicher Künstler, die wir im kommenden Jahr im Kunstverein sehen werden. Wir bemerken auch, dass es am Vorabend des Jahresgaben-Wochenendes ein "Member's Dinner" gibt. Also auch für die Mitglieder ändert sich unter neuer Führung einiges.

Cotton hat ihre bisherige Bonner Zeit dazu genutzt, ein eigenes Programm zu konzipieren. Sie kuratiert ihre Auftakt-Ausstellung mit der türkischen Künstlerin Banu Cennetoglu selbst, ebenso wie alle weiteren Präsentationen im kommenden Jahr. Was derzeit schärfere Konturen annimmt, macht zumindest neugierig auf das erste Cotton-Jahr.

Mit der ersten Einzelausstellung der Türkin Banu Cennetoglu (Jahrgang 1970) in Deutschland setzt Cotton schon mal ein Ausrufezeichen. Die Biennale-Teilnehmerin in Berlin und Venedig versteht sich als Archivarin. Sie komme eigentlich von der Fotografie her, erzählt Michelle Cotton, habe dann begonnen, "obsessiv" Künstlerbücher und Archivalien zu sammeln. Ihr bislang größtes Projekt ist das Sammeln von Zeitungen an einem Stichtag, wodurch das "Porträt einer Gesellschaft an einem bestimmten Tag entsteht", wie Cotton erläutert.

Sie hat ihre Zeitungsprojekte in der Schweiz, in Griechenland, der Türkei und Großbritannien realisiert. Das größte Projekt wird nun in Bonn gezeigt. Cennetoglu hat am 11. August dieses Jahres je ein Exemplar überregionaler, regionaler Blätter und von Lokalzeitungen gesammelt. 1000 Zeitungen in rund 70 bis 80 großen schwarzen Bänden, die als eine Art Referenzbibliothek die Nachrichtenlage des 11. August dokumentieren. Cotton findet es faszinierend, dieses Projekt in dem Land zu zeigen, "wo der Druck und die Zeitung erfunden wurden".

Buchstäblich hochprozentig ist Cennetoglus "Library of Spirits", wobei "Spirits" in diesem Fall mit Schnäpse zu übersetzen ist. Die auch skulptural ansprechende Arbeit basiert auf Interviews, die die Künstlerin mit privaten rumänischen Schnapsbrennern führte. Je eine Flasche kam dann in ihre "Spirit"-Sammlung. In Bukarest wurde die Arbeit 2013 als "open bar" gezeigt. In Bonn soll es eine weniger offene Präsentation geben.

Der New Yorker Josh Smith (1976 geboren) bekommt Anfang des Jahres seine erste Einzelausstellung in Deutschland. Vor sieben Jahren zeigte ihn das Museum für Moderne Kunst in Wien (MUMOK) erstmals in Europa und feierte ihn als "einen der neuen Stars der Malerei". Smith arbeitet mit Graffiti, Collagen und Bild-Fundstücken. Im April 2016 will Cotton ferner die britische, 2012 für den Turner-Prize nominierte Performancekünstlerin Marvin Gaye Chetwynd (Jahrgang 1973) zeigen. Ebenfalls 2016 soll es eine neue Folge der Peter Mertes-Stipendiaten geben (Cotton war in der Jury). Gezeigt werden das "Studio For Propositional Cinema" aus Essen und eine Schau von Phug-Tien Phan. Außerdem in Cottons Programm: eine Retrospektive des niederländischen Medien- und TV-Künstlers Wim T. Schippers (1942 geboren). "Er hat in den 60er Jahren aufgehört, Kunst zu machen, was nicht stimmt", sagt Michelle Cotton. Dass er den Ernie von der Sesamstraße in Holland synchronisiert hat, findet sie lustig.

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