Aus der Neuen Welt: Das erwartet Besucher beim Schumannfest 2018 in Bonn

Aus der Neuen Welt : Das erwartet Besucher beim Schumannfest 2018 in Bonn

Das 21. Schumannfest vom 3. bis 16. Juni richtet den Blick nach Westen – zu Leonard Bernstein und US-amerikanischer Musik. Ein Programmüberblick.

Dass sie von Konzert zu Konzert reist, während er daheim die Seiten des gemeinsamen Ehetagebuchs füllt – nun, das wäre auch 100 Jahre später noch immer eine recht ungewöhnliche Konstellation gewesen. Auch wenn es Clara Schumann in den 1840er Jahren beleibe nicht „nur“ darum ging, das Haushaltsgeld einzuspielen. Sie war das Leben als gefeierte Pianistin seit ihrer Kindheit gewöhnt; die Aufmerksamkeit, die Anerkennung. Und sie trug auf diese Weise auch den Ruhm ihres Mannes in die Musikwelt hinaus.

Doch dessen Gedanken flogen weiter voran – immer weiter westwärts. „Amerika geht mir wieder sehr im Kopf herum“, schrieb Robert Schumann im März 1842 an Clara. Und auch wenn es in diesem Fall also beim bloßen Wünschen und Träumen geblieben ist und die geplante zweijährige Tour durch die Staaten – als Ausweg aus einer für ihn unbefriedigenden Lage – niemals zustande kam, bietet diese Episode doch Stoff genug für ein zweiwöchiges Programm im Namen des wohl berühmtesten Paares der Musikgeschichte.

Insgesamt 19 Veranstaltungen vom 3. bis 16. Juni laden die Besucher des Bonner Schumannfestes ein, den Blick auf das Sehnsuchtsland Amerika um die Mitte des 19. Jahrhunderts wieder aufzunehmen und zugleich den 100. Geburtstag Leonard Bernsteins zu feiern, dessen „West Side Story“ ihm seit 1957 weltweiten Ruhm eingetragen und seinen Ruf als Dirigent, Pianist und Komponist begründet hat – von der amerikanischen Ostküste bis nach Europa, seit den 1950er Jahren bis heute.

Die Idee, den Fokus auf Bernstein zu legen, hatte Festivalleiter Markus Schuck. Als Hommage an einen der wenigen wirklich Großen der Musikgeschichte im 20. Jahrhundert , der 1968 und 1976 mit dem New York Philharmonic Orchestra und 1982 mit dem Israel Philharmonic Orchestra in Bonn gastierte und 1989 sogar Artist in Residence beim Beethovenfest war, um sich bei dieser Gelegenheit denn auch gleich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen.

Orgelabend mit Anna-Victoria Baltrusch

Ulrich Bumann, der mit Markus Schuck zusammen das Schumannfest leitet und der in den „Briefen einer Liebe“ die eingangs beschriebene Rarität aus der Feder Robert Schumanns entdeckt hat, schätzt Bernstein auch als Musikpädagoge und Autor. „Er hat viel über Musik geschrieben – klug, witzig und lebhaft. So haben wir jedem Konzert im Programmheft denn auch ein Zitat Bernsteins zugeordnet.“ Zum Orgelabend mit Anna-Victoria Baltrusch am 5. Juni, in der Kreuzbergkirche zum Beispiel gehört der Satz „Im Herzen sind wir alle noch Romantiker“.

Und zum Konzert mit Janina Gerl am 12. Juni heißt es: „Im Augenblick, da ein Komponist versucht, Töne zu abstrahieren, weil er ihren tonalen Sinn verleugnet, hat er das Reich der Verständigung mit der Welt verlassen.“ Schrieb der Mann, der nach Lust und Laune auch Kochrezepte in seine Kompositionen mit einbezogen hat. Die eine oder andere Kostprobe wird es auch beim Schumannfest 2018 geben.

Eröffnet wird es am 3. Juni, um elf Uhr nicht minder reizvoll. Als Vorpremiere zeigt das Endenicher Filmkunstkino Rex noch vor dem Fernsehstart die 52-minütige Dokumentation „West Side Story – Bernsteins Broadway-Hit“ (2018). Produzent, Autor und Regisseur Axel Fuhrmann stellt seine neueste Produktion dort persönlich vor und geht dabei auch der Frage nach, was aus den Darstellern der mit zehn Oscars bedachten Verfilmung von Bernsteins „West Side Story“ (Originalfassung: 7. Juni, 19.30 Uhr, Rex) geworden ist.

Im Fall von Richard Beymer (Tony) und Russ Tamblyn (Riff, Anführer der Jets) lässt sich das mit einem Verweis auf David Lynchs Fernsehserie „Twin Peaks“ beantworten. Dort waren die beiden 1989/1990 als schmierig-skrupelloser Geschäftsmann und als Psychiater mit einem Faible für Hawaihemden zu sehen.

Eine vielfach preisgekrönte Dokumentation

Zwei weitere visuelle wie vor allem auch musikalische Glanzlichter beim Filmprogramm des Schumanfestes setzen am 11. Juni (18 Uhr) Elia Kazans „On the Waterfront“ (Die Faust im Nacken) mit Marlon Brando. Die Filmmusik schrieb Leonard Bernstein. Während Philip Glass' Kompositionen dem Experimentalfilm „Koyaanisqatsi“ (4. Juni, 20.30 Uhr) die besondere Note verleihen. Komplett macht die kleine Reihe der vielfach preisgekrönte Dokumentarfilm „First Position – Ballett ist ihr Leben“ (10. Juni, 11 Uhr).

Auf die Frage nach den Spuren, die die amerikanische Musik der Romantik und Nachromantik hinterlassen hat und auf Dauer hinterlassen wird, mag jeder Besucher während seiner individuellen Entdeckungsreise beim Schumannfest seine eigene Antwort finden.

Die Konzerte sind ein Angebot, genau dies zu tun. Wobei bekannte Kompositionen nicht im ganz großen Orchesteraufzug, sondern vielmehr in Arrangements zu hören sein werden und wobei Bernsteins Licht auch Komponisten treffen möge, die hierzulande – vielleicht mit Ausnahme von Samuel Barber – kaum bekannt sind.

Beginnend am 3. Juni im Theater im Ballsaal (19 Uhr), wo das gerade mit einem Echo Klassik ausgezeichnete Klavierduo Genova & Dimitrov unter anderem Bernsteins sinfonische Tänze aus der „West Side Story“ und die „Porgy & Bess“-Fantasie von George Gershwin spielen wird. So weit, so bekannt. „Summertime“ dürfte der eine oder andere zu dieser Jahreszeit schon vor sich hingesummt haben.

„Prelude and Blues“ dem „Präludium und Fuge“

Bei den Kompositionen von Samuel Conlon Nancarrow – eines mexikanischen Komponisten US-amerikanischer Herkunft – sieht die Sache indes ganz anders aus. Die Bonner Pianistin Janina Gerl, die sowohl in Köln und an der University of Alaska Musik studiert und zahlreiche ihrer Wettbewerbspreise in den Staaten gewonnen hat, hat ihn ausfindig gemacht und wird bei ihrem Konzert am 12. Juni im Theater im Ballsaal sein „Prelude and Blues“ dem „Präludium und Fuge“ von Clara Schumann gegenüberstellen. Felix Mendelssohn Bartholdys „Lied ohne Worte“ trifft den „Song without Words“ von Charles Ives. Dieser wiederum verdankte Leonard Bernstein seinen künstlerischen Durchbruch im Jahr 1952.

„Die amerikanische Musik“, so Bumann, „hat sich im 20. Jahrhundert zusehends von der europäischen emanzipiert“. Gemäß der Empfehlung, die Antonín Dvorák der Uraufführung seiner 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ am 16. Dezember 1893 in der Carnegie Hall hinzufügte. „Sie hat ihre eigenen Wurzeln gefunden; in der indianischen Musik, im Jazz.“

Eine Entwicklung, die Leonard Bernstein und seine Kollegen gleichermaßen forciert und als Zeitzeugen begleitet haben.

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