Die Gier kennt keine Grenzen: Das Buch zum Kunstfälscherskandal rund um Wolfgang Beltracchi

Die Gier kennt keine Grenzen : Das Buch zum Kunstfälscherskandal rund um Wolfgang Beltracchi

Ein gutes halbes Jahr nach der Urteilsverkündung im bislang spektakulärsten Kunstfälscherskandal der Bundesrepublik liegt bereits das Buch zum Fall Wolfgang Beltracchi vor - und man kann sich lebhaft vorstellen, dass auch die Filmrechte zur Fälscherstory schon hoch gehandelt werden.

"Falsche Bilder - Echtes Geld" haben die Journalisten Stefan Koldehoff und Tobias Timm ihr Buch über den "Fälschungscoup des Jahrhunderts - und wer alles daran verdiente" genannt. Ab Montag liegt das 274-seitige Opus in den Buchläden.

Das Werk ist alles andere als ein Schnellschuss, kommt gründlich recherchiert daher, liest sich wie ein Krimi und ist doch alles andere als Fiktion: Erzählt wird der Fall eines Fälschers mit hoher krimineller Energie und die Geschichte eines geschickt geknüpften Netzwerks, mit dessen Hilfe Beltracchi und Co. Kunsthandel, Sammler und Experten narrten und empfindlich schädigten.

Beide Autoren verfallen nicht auf den Fehler, vor der Chuzpe des genialen Fälschers auf die Knie zu gehen - wie das während des Kölner Fälschungsprozesses immer wieder in den Medien passierte. Und sie suchen auch immer den Weg von der schillernden Figur des Fälschers zum Kunstmarkt und dessen Mechanismen. Das ist die eine Seite, die andere ist das harte Brot der Ermittler, der Laboranten und Kunstdetektive des Landeskriminalamtes. Sie machten aus dem konspirativen Hin und Her gefälschter Bilder den justiziablen Fall Beltracchi. Koldehoff und Timm widmen ihnen einen breiten Raum.

Von der Festnahme zum Kölner Prozess, von der "Methode Beltracchi" bis zur Rolle, die Museen bei der "Kunstwäsche" übernahmen, von der ersten missglückten Verhaftung Beltracchis in den 90er Jahren bis zum "Sturz des Werner Spies" reichen die Themen des Buchs. Minutiös wird die Verflechtung zwischen dem FAZ-Kunstkritiker und Max-Ernst-Experten Spies und dem Beltracchi-Netzwerk geschildert.

Wie Spies an den Echtheits-Gutachten und dem Verkauf der Fälschungen von Max Ernst-Gemälden verdiente, wie die Geldflüsse verliefen, breiten Timm und Koldehoff in erschöpfender Ausführlichkeit aus. Gerade haben sie für ihre Recherchen den Prix Annette Giacometti bekommen.

Das Buch lässt keinen Zweifel daran, dass das, was in "Falsche Bilder - Echtes Geld" erzählt wird, nur die Spitze des Eisbergs ist. Der Deal der Staatsanwaltschaft mit den Angeklagten und die Reduktion des Prozesses auf nur 14 Gemälde brachte zwar eine Vereinfachung des Verfahrens, doch die einmalige Chance, das ganze Geflecht aufzudröseln und den vielen Figuren nachzuspüren, die das kriminelle Netzwerk erst funktionstüchtig machten, wurde vergeben.

Einen kleinen Eindruck von der wahren Dimension des Falles gibt eine Liste mit insgesamt 85 Bildern die mit Beltracchi in Verbindung gebracht werden - nur 14 standen bekanntlich beim Kölner Prozess zur Debatte. Diskussionswürdig ist ein "Kodex für den Kunsthandel", den die Autoren vorschlagen. Es geht dabei unter anderem um Spielregeln für Gutachter, um Transparenz bei Werkregistern sowie um die Markierung oder Zerstörung von entdeckten Kunstfälschungen.

So hatte Beltracchis Ehefrau Helene 1996 ein Gemälde von Raoul Dufy bei Sotheby's in London eingeliefert. Experten lehnten das Werk als zweifelhaft ab. Zwei Jahre später drehte Frau Beltracchi exakt dieses Werk in einem anderen Auktionshaus an - wo es schließlich versteigert wurde. Bei einem gekennzeichneten Werk wäre das nicht möglich gewesen. "Alles ist so absurd leicht gewesen", sagten der Fälscher und seine Frau vor Gericht. Warum nur? Die Autoren haben eine überzeugende Antwort darauf: "Keine Branche hat ein so schlechtes Gedächtnis wie der Kunstmarkt. Denn die Gier nach frischer Ware kennt keine Grenzen."

Der Fälscherskandal hat einen gewaltigen Medien-Hype ausgelöst. Vieles, was Timm und Koldehoff zusammengetragen haben, fußt auf Erkenntnissen, die im letzten Jahr zum Fall Beltracchi publiziert wurden. Einen bibliografischen Anhang, wo man das nachlesen könnte, sucht man leider vergebens. Auch ein Namensregister hat man sich gespart.

Stefan Koldehoff, Tobias Timm: Falsche Bilder - Echtes Geld. Der Fälschungscoup des Jahrhunderts - und wer alles daran verdiente. Galiani Berlin, 274 S., 19,99 Euro

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