Niedeckens BAP in Köln: „Clemens, dunn uns zwei Schabau“

Niedeckens BAP in Köln : „Clemens, dunn uns zwei Schabau“

Kneipenatmosphäre in der großen Halle: Wolfgang Niedecken und BAP spannen den großen Bogen in der Kölner Lanxess-Arena. Die beliebtesten Lieder von 1976 bis 2016 standen auf dem Spielplan.

Mit dem „letzten Leed“ ist es dann immer noch nicht zu Ende. Aber als nach dreieinhalb Stunden die verblichenen Bilder von Wolfgang Niedecken & Co. aus den frühen Jahren im Chlodwig-Eck in die Halle geworfen werden, ist eben doch der große Bogen gespannt. Gesungen sind die großen Lieder zu diesem Zeitpunkt alle. Und die Leistung von Niedecken und BAP an diesem Abend ist es, die mit 15.000 Besuchern gefüllte Lanxess-Arena atmosphärisch auf eine prall gefüllte Südstadtkneipe zu verdichten. „Clemens, dunn uns zwei Schabau.“

Zum 40. Geburtstag der Band hatte Niedecken das große Besteck ausgepackt: Die beliebtesten Lieder von 1976 bis 2016 standen auf dem Tourplan. Schon nach dem obligatorischen Domglockengeläut und dem Opener „Frau, ich freu mich“ ist klar, dass mit diesem Plan aber auch gar nichts schiefgehen kann. Im Hintergrund Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Südstadt, dem Rhein und vom Eigelstein, im Vordergrund der in Würde gealterte Kölschrocker, der ein gutes Gespür dafür hat, welcher Song wie zündet.

Wolfgang Niedecken ist inzwischen 65 Jahre alt, und es scheint, als habe er gerade die ersten Stücke der Band-Geschichte neu entdeckt. „Ne schöne Jrooß“, klar, und später „Verdamp lang her“ sowieso. Wie schon auf der Akustik-Tour wird aber auch „Jupp“ episch in Szene gesetzt, mit einem leisen Gitarren-Solo von Ulrich Rode und einem infernalen Trommelschlag von Neu-Drummer Sönke Reich.

Reicht trommelt sich gerade durch seine erste Tour. Als „Verdamp lang her“ 1981 erschienen ist, war der Mittdreißiger noch gar nicht auf der Welt. Aber im BAP-Ensemble harmoniert er so selbstverständlich wie Michael Nass an den Keyboards oder Werner Kopal am Bass, beide inzwischen Urgesteine der Formation. Die Debatte über das Ende von BAP als Band ist im vergangenen Jahr arg strapaziert worden. Tatsächlich sind die vier Jahrzehnte der Kölner Musiker von einem recht regelmäßigen Personalwechsel geprägt gewesen. Rhanij Krija an den Percussions und Anne de Wolff (Posaune, Geige, Cello) sind live heute wohl ähnlich prägend, wie es früher Steve Borg oder Alexander „Effendi“ Büchel waren. Die Zeit steht nicht still.

Der besondere Moment des Abend ist Nena vorbehalten. Sie ist offenbar bei der TV-Produktion in Südafrika vollends dem kölschen Musikwerk verfallen. Mit glitzernder Stones-Zunge auf dem Shirt schmiegt sie sich wie bei den Aufnahmen zu „Sing meinen Song“ an Niedecken, um „Do kanns zaubre“ zum Klingen zu bringen. Kurz vor den Zugaben rockt sie noch mal rein. „Alles nur geträumt“, witzelt der Chef.

Und so geht es weiter von Hit zu Hit. Es ist eine große Revue und eine Zeitreise zurück ins zerstörte Köln („Amerika“), zu Friedensdemonstrationen der frühen 1980er Jahre („Kristallnaach“) und politischem Appell („Arsch huh“). Dass die Arena außerhalb des Karnevals schunkelt wie zu „Jraaduss“, hat man auch nicht so häufig gesehen. Aus dem aktuellen Album sind sechs Stücke vorgesehen. Den gitarrenlastigen Klagegesang „Absurdistan“ und „Dausende vun Liebesleeder“, der versöhnlichen Liebeserklärung an Niedeckens Heimatstadt, zu der Bilder vom Rosenmontag (!) flimmern. „Vielleicht bin ich altersweise geworden“, sagt Niedecken, „vielleicht aber auch nur altersmilde.“

Mit Zugaben hat Niedecken nie gegeizt. An diesem Abend sind es acht, und als es schon auf Mitternacht zugeht, kommt dann noch Hans Süper auf die Bühne. Viele sind schon auf dem Heimweg, als die Karnevalslegende (80) zur Flitsch greift und „Heimweh noh Kölle“ anstimmt. Endlich Zeit zum Verschnaufen für Wolfgang Niedecken. Süper sagt: „Ist das schön, mit euch alt zu werden.“

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