Demnächst im Musical Dome: "Chicago" ist sexy, aber niemals billig

Demnächst im Musical Dome : "Chicago" ist sexy, aber niemals billig

Der seit Jahrzehnten erfolgreiche Musical-Klassiker kommt im Juni zum ersten Mal nach Köln. Wir haben die Macher vorab in New York getroffen.

Als „Chicago“ 1975 das erste Mal am Broadway lief, deutete sich noch nicht an, dass es mal eines der Musicals mit der längsten Laufzeit der Welt werden würde. Nach mäßigem Erfolg verschwand das Stück von Bob Fosse (Choreografie), John Kander (Text) und Fred Ebb (Musik) zwei Jahre später von der Bühne. Lange verstaubte „Chicago“ danach im Regal – bis Fosses ehemalige Schülerin Ann Reinking das Werk ihres einstigen Mentors grundlegend überarbeitete.

1996 feierte das Musical zum zweiten Mal Premiere – und ist seitdem nicht mehr aus New York wegzudenken: Nach Agenturangaben ist das Revival in 13 Sprachen in 36 Ländern mehr als 32 500 Mal aufgeführt worden und hat dabei weltweit rund 1,5 Milliarden Dollar eingespielt. Aus dem Berg an Auszeichnungen stechen sechs Tony Awards hervor, darunter der für das beste Musical Revival. Ausgerechnet in der Musikstadt Köln wurde das Stück noch nie aufgeführt, das ändert sich bald: Vom 4. bis 16. Juni gastiert „Chicago“ in der englischen Originalproduktion im Musical Dome.

„Es bedeutet mir so viel, dass Chicago von Generation zu Generation weitergegeben wird“, erzählt Ann Reinking bei einem Pressegespräch in New York City. Die 69-Jährige tanzte in Musicals wie „Cabaret“, „Coco“ und natürlich „Chicago“ und schuf selbst Choreografien für namhafte Tanzinstitutionen.

Ihren einstigen Mentor Bob Fosse traf sie Anfang der 70er, als sie für „Pippin“ vorsprach. Sie bekam die Rolle, doch bei den Proben funkte es nicht nur auf kreativer Ebene zwischen den beiden: Als Fosse „Chicago“ produzierte, waren er und Reinking ein Paar. „Er kam immer gut gelaunt nach Hause und ist beim Abendessen kaum auf seinem Stuhl sitzen geblieben, hat gesungen und mir die Choreografie erklärt“, erinnert sich Reinking.

"Wir hatten nur 2000 Dollar für das Revival"

Irgendwann habe sie seinen Stil in und auswendig gekannt. Das half ihr, die neue Choreografie im selben Kontext und mit denselben Bewegungen zu erstellen, ohne das Original eins zu eins zu kopieren. „Es war unsere Verantwortung, den Geist der ursprünglichen Macher beizubehalten“, betont sie.

Andere Änderungen waren den Produktionsbedingungen geschuldet. „Wir hatten nur 2000 Dollar für das Revival. Viele Klamotten kamen daher aus unserem eigenen Kleiderschrank“, sagt Reinking. Die Tänzer tragen deswegen auch heute noch das gesamte Stück über ein Kostüm. Die Bühne beschränkt sich auf ein großes Podium für die Musiker, je eine raumhohe Leiter an den Seiten und zwei Stuhlreihen.

Das geringe Budget habe sich als Segen erwiesen, ist die 69-Jährige sich sicher. Geplant waren für das Revival vier Zusatzshows in kleinen Theatern, aber die reduzierte Version kam so gut beim Publikum an, dass das Stück seit 22 Jahren ununterbrochen am Broadway läuft.

Zu verdanken hat „Chicago“ das auch den Produzenten Fran und Barry Weissler. „Meine Frau und ich haben uns schon in den 70ern in das Musical verliebt“, erzählt Barry Weissler. Die erste Revivalshow sei dann „magisch“ gewesen. „Wir wussten, wir mussten es an den Broadway bringen. Aber niemand hat daran geglaubt. Man tat es als Konzert ab und sagte, 75 Dollar für eine Karte seien viel zu viel“, erinnert sich der Produzent. Aber das Ehepaar sei so überzeugt gewesen, dass es sich Geld von der Bank geliehen und dabei sogar das eigene Haus aufs Spiel gesetzt habe. Der Rest ist Geschichte.

"Chicago" ist ein Spiegel der Gesellschaft

Letztlich ist auch die Handlung von „Chicago“, die auf zwei Kriminalfällen aus dem Chicago der 20er beruht, zeitlos aktuell: Die Nachtclubsängerin Roxie Hart landet im Gefängnis, nachdem sie ihren Liebhaber kaltblütig ermordet hat. Im Frauenknast sitzt bereits Velma Kelly, die ihren Mann beim Fremdgehen mit ihrer Schwester erschossen hat. Die Regenbogenpresse ignoriert die Fakten der Verbrechen und lechzt stattdessen über die Attraktivität der jungen Täterinnen, während ein gewiefter Anwalt sein übriges tut, um die Mär der unschuldigen Lämmchen weiterzuspinnen. Roxie und Velma wetteifern um die Gunst der Presse, feiern jeden Artikel wie einen Weltmeistertitel und bleiben doch stets sympathisch. Es kommt, wie es kommen muss: Eine Dritte übertrumpft sie mit einem noch grauenvolleren Verbrechen – und die 15 Minuten im Rampenlicht sind vorbei. „'Chicago' ist ein Spiegel der Gesellschaft“, fasst Weissler zusammen. Damals wie heute.

Choreograf Bob Fosse hat den Erfolg seines Werks nicht mehr miterlebt: Er starb 1987 an einem Herzinfarkt. Aber sein Stil hat ihn unsterblich gemacht. „Es ist eine spezielle Art, zu tanzen, die sehr leicht falsch dargestellt werden kann“, sagt Reinking. „Wenn Fosses Tänze billig oder schmutzig aussehen, machst du etwas falsch.“ Die Choreografien seien sexy, aber immer elegant.

Die Energie ist immer da

Ebenso seien sie paradox: Elemente aus dem Burlesque treffen auf Ballett, Tänzer ziehen sich nach oben, nur um sich wieder fallen zu lassen, drehen Handgelenke, Ellenbogen und Knie nach innen. „Der Oberkörper sagt 'ja', aber die Beine schreien 'Ich sterbe!'“, beschreibt Reinking. Fosse habe das laut Reinking „the power of nothing“ genannt: Trotz teilweise minimaler Bewegungen oder Stillstand verlören die Tänzer nie den Kontakt zum Publikum, die Energie sei stets da.

Nicht mal der Film „Chicago“ (2002) mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones und Richard Gere konnte das Musical aufhalten. Im Gegenteil: „Er hat die Marke weiterentwickelt“, sagt Weissler. Mit 22 Jahren ist das Musical das zweitmeistaufgeführte am Broadway. Nur einem muss es sich geschlagen geben: „Das Phantom der Oper“ läuft seit 31 Jahren ununterbrochen in New York.

„Chicago – The Musical“: 4. bis 16. Juni in Köln, Musical Dome. 25. bis 30. Juni in Düsseldorf, Capitol Theater. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops des General-Anzeigers sowie im Internet auf www.ga-bonn.de/tickets.

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