Konzert in Köln: Charlotte Gainsbourg begeistert im Gloria

Konzert in Köln : Charlotte Gainsbourg begeistert im Gloria

Die Französin Charlotte Gainsbourg bezauberte mit wisperndem Sprechgesang bei ihrem Konzert im Gloria in Köln. Mit ihren Klassikern begeisterte sie das Publikum.

Am Anfang sieht man – nichts. Man hört bloß. Eine zarte, helle Stimme, sehr fragil. Gegen die wuchtigen Elektrosounds ihrer Band hat sie keine Chance, die Aussteuerung ist ungünstig, das wird erst ab dem dritten Song besser. Gerne würde man einen Blick auf sie werfen. Auf Charlotte Gainsbourg, die doppelt Begünstigte und doppelt Verfluchte. 1971 als Tochter einer berühmten Mutter und eines berühmten Vaters geboren, die drei Jahre zuvor ihre Liebe in einem Lied besungen hatten, das so expressiv-leidenschaftlich ausfiel, dass es von Radiostationen boykottiert wurde. „Je t'aime … moi non plus“ machte aus Serge Gainsbourg und Jane Birkin eine Pärchen-Ikone der Sixties.

Im Gloria präsentiert deren Tochter, als die sie immer genannt werden wird, ihr fünftes Album „Rest“. Das Interesse ist groß, der Saal so voll, dass man, siehe oben, nur einen Teil der Bühne erkennen kann, die von weiß leuchtenden Balken dominiert wird, die Tore und Kuben formen. Weiß dominiert auch die Kleidung der Musiker, das Ganze hat die Anmutung eines Spacelabs. Mit schwarzer Jacke vor schwarzem Hintergrund sitzt die Frau, um die es hier geht, am Keyboard. Man hätte viel früher da sein müssen. Oder müsste zwei Meter groß sein.

So hat man erst einmal andere Bilder im Kopf. Die einer 14-Jährigen, die auf der Leinwand so überzeugend „Das freche Mädchen“ mimt, dass sie dafür mit einem César als beste französische Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet wird. Und als „Die kleine Diebin“ drei Jahre später den begehrten Preis für die beste Hauptrolle nur knapp verpasst. Dienstag im Gloria erlebt man, 82 Minuten lang, die drei Zugaben mit eingerechnet, eine immer noch mädchenhafte 46-Jährige, die ein umwerfend charmantes Lächeln hat, aber zutiefst traurig ist.

Eingebettet in Sounds, die an die Electro-Achtziger erinnern, mit viel Synthie-Brimborium, Sampler-Beifutter und Disco-Gewitter singt Gainsbourg davon, neben ihrem toten Vater zu liegen („Lying With You“), von Albträumen, die sich als Wirklichkeit entpuppen („Les Crocodiles“) oder von der Schwester, die sie 2013 verlor. Ihr hat sie das erstmals ganz allein geschriebene Album gewidmet: „Meine Kindheit – das waren Kate und Charlotte.“ Beim Stück, das den Namen der Vermissten trägt, und mit wehmütigen Pianoläufen beginnt, offenbart sich die ganze Sphärensüße, die einer Stimme innewohnt, die das Gegenteil von volltönend, starkvolumig oder vor Kraft strotzend ist. Man muss sie nur sorglich einhegen, darauf aufpassen, dass sie nicht erdrückt wird.

Dann kann man diesen wispernden, flüsternden, kindlichen Sprechgesang auch genießen, dieses Artikulieren und Aspirieren und Hochhauchen von Silben, so, als ob man Teilhaber eines Geheimnisses wird, das trotz allem für den Zuhörer ein Rätsel bleibt. Mit „The Songs That We Sing“ (2006), „Heaven Can Wait“ (2009) und „Paradisco“ (2011) greift Gainsbourg auch auf älteres Material zurück. Das hingerissene Publikum johlt und juchzt aber immer dann am lautesten, wenn sie mit Duetten wie „Charlotte For Ever“ oder „Lemon Incest“ an ihren Vater erinnert. Mit ihm hat sie diese Stücke einst gesungen.

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