Bundeskunsthalle zeigt spannendes Gipfeltreffen der Moderne

Bundeskunsthalle zeigt spannendes Gipfeltreffen der Moderne

Kunstmuseum Winterthur beschert Bonner Publikum Austellung mit 240 künstlerisch-wertvollen und sensationellen Werken

Bonn. Für Gerhard Richter, den amtierenden Großmeister der Malerei, ist das Kunstmuseum in Winterthur, das "Lieblingsmuseum", eine "Ausnahmeerscheinung".

Warum? "Weil es hier um Kunst geht und nicht um Sensationen", womit Richter die Konzentration auf die reine Kunst meint und nicht das Schielen nach dem kurzlebigen Event meint.

Nun, beim "Gipfeltreffen der Moderne", wie die Bundeskunsthalle das großartige Gastspiel aus Winterthur überschreibt, kommt beides zusammen: wunderbare Kunst, und sensationell ist das, was das Museum aus der Ostschweiz an den Rhein geschickt hat, allemal.

Begleitprogramm "Von Stiftern und Anstiftern" heißt das Filmporträt von Horst Brandenburg über das Kunstmuseum Winterthur, das in der Ausstellung, aber auch am Sonntag, 26. April, 18 Uhr, auf 3sat zu sehen ist.

Im Rahmen der Ausstellung gibt es unter anderem eine Lesung aus Martin Suters "Der Letzte Weynfeldt", eine zweistündige "Marathonführung" mit dem Direktor des Kunstmuseums, Dieter Schwarz, oder eine Konzertperformance mit Matthias Esers am Marimbaphon.Das "Gipfeltreffen" kann mühelos mit den Gastspielen des MoMA (1992) und Guggenheim (2006) in Bonn mithalten, ist sogar mit 240 Kunstwerken aus anderthalb Jahrhunderten umfangreicher als die Vorgänger.

An klingenden Namen herrscht kein Mangel: Delacroix und Monet, Rodin, Picasso oder van Gogh, Arp, Giacometti oder Max Ernst, die Liste ist ein Who's who der Kunst. Doch bemerkenswert ist vor allem, was und wie in dem privaten, von bürgerlichem Engagement getriebenen Kunstmuseum Winterthur gesammelt wurde.

Es ist ein Ensemble, das man in dieser Güte und Zusammenstellung woanders nicht findet. Erstmals verlässt die Sammlung Winterthur - das hundert Jahre alte Haus wird renoviert - für eine exquisite Tournee, die die Schätze nach Bonn, ins italienische Rovereto (MART) und ins Museum der Moderne nach Salzburg führt.

Gleich im Entree zeigt diese exzellente Sammlung ihr frankophiles Gesicht: Der Besucher wird vom bunten Treiben auf dem Boulevard Montmartre in Paris empfangen, wo das Volk den "Mardi gras" feiert - der Impressionist Camille Pissarro fing diese intensive Szene 1897 ein; daneben hängt ein ganz früher Monet, ein Blick in den Wald von Fontainebleau; auch Vincent van Goghs Briefträger Roulin (1888) vor grellem Gelb begrüßt den Besucher.

Skulpturen von Rodin und Medardo Rosso, ein Bronze-Harlekin von Picasso lassen dieses Ensemble der frühen Moderne zu einem ersten Höhepunkt der Schau werden. Schon beim Auftakt spürt man die ausgezeichnete Dramaturgie, die aus dem kunsthistorischen Parcours eine aufregende Dialogsituation macht: Rodin, Picasso und Cézanne begegnen einem gebogenen Bildobjekt des New Yorkers Ellsworth Kelly, "Black Curves" von 1996.

Dessen "Hard Edge" trifft auf die Vollendung und Überwindung des dreidimensionalen Menschenbildes. Immer wieder sorgen die Regisseure der Schau, Dieter Schwarz (Winterthur) und Christoph Vitali (Bonn), in dieser Reise durch die Kunst vom begnadeten Koloristen Eugène Delacroix bis zum philosophischen Iglu-Bauer Mario Merz für Spannungsmomente, Reibungen, unerwartete Gegenüberstellungen.

So findet der Besucher in engster Nachbarschaft eine noch sehr gegenständliche "Improvisation" Kandinskys und ein Porträt von Jawlensky auf der einen Seite und Vertreter der geometrischen Abstraktion wie Mondrian auf der anderen Seite - dazwischen dann die Schaufensterpuppen-Wesen von Oskar Schlemmer, die organischen Figuren Arps aber auch Picassos Kubismus.

Das "Gipfeltreffen der Moderne" öffnet kleine Zeitfenster und zeigt, was oft parallel und in Opposition zueinander in der Moderne los war. Die Surrealisten um Mirò und Max Ernst begegnen Max Beckmann und der Neuen Sachlichkeit, der Asket Alberto Giacometti dem wilden Primitivismus von Karel Appel.

Bei der Kunst der Nachkriegszeit lösen Amerika und Italien Frankreich als Mittelpunkt der Winterthurer Sammlung ab (Deutschland spielte nie eine besondere Rolle).

Die Ausstellung hat einen herausragenden Amerikanersaal mit Kunst aus drei Jahrzehnten zu bieten, der Positionen am Rande der Figürlichkeit von Philip Guston mit fragilen Bildobjekten von Richard Tuttle, verschlungenen Strukturen von Brice Marden, Bildern von Eva Hesse und der formalen Askese Agnes Martins oder Robert Mangolds zusammenbringt.

Mit einer ausgezeichneten Reihe von Arbeiten Gerhard Richters, Keramiken von Thomas Schütte einem Objekt von Thomas Scheibitz, der Deutschland auf der Biennale 2005 in Venedig vertrat, nähert sich die Sammlung der Gegenwart.

Zu den Reizen des Gastspiel aus Winterthur gehören aber vor allem Komplexe, die einzelnen Künstlern gewidmet sind: Der Schweizer Félix Vallotton oder die Franzosen Pierre Bonnard und Fernand Léger sind mit eindrucksvollen Serien in Bonn zu erleben.

Und da ist noch der konsequenteste Künstler des Jahrhunderts: Giorgio Morandi (1890-1964), der mit seinen kleinen, einfachen, zauberhaften Flaschenstillleben auf tonigem Grund weltberühmt wurde, ist ganz am Ende eines Seitenarms der Schau ein graues kapellenartiges Kämmerchen mit sieben Gemälden gewidmet, das größte Ensemble seiner Kunst außerhalb Italiens.

Die einzige Auslandsreise seines Lebens unternahm der schrullige Bologneser 1956 nach Winterthur - um die herrlichen Franzosen zu sehen.

Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4; 24. April bis 23. August. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr. Katalog (Richter Verlag) 29 Euro.

Weitere Informationen unter www.bundeskunsthalle.de

Lesen Sie dazu auch den Kommentar " Die Halle brummt"

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