Musicalpremiere an der Oper: Bonns starke neue "West Side Story"

Musicalpremiere an der Oper : Bonns starke neue "West Side Story"

Lieben und Sterben in der U-Bahn: Erik Petersen inszeniert Leonard Bernsteins unsterbliches Musical neu. Damit bekommt Bonn eine starke neue "West Side Story" in der Oper.

Skeptikern begegnete Leonard Bernstein in den 1950er Jahren, als er über der Musik zur "West Side Story" brütete, viele. "Wer wollte schon eine Show sehen, in der der Vorhang des ersten Aktes auf zwei tote Körper fällt, die auf der Bühne liegen", sagte er einmal. Dass es sich bei den Toten um zwei Hauptfiguren des Musicals handelt, machte das Konzept in den Augen der Skeptiker damals auch nicht gerade überzeugender. Tödliche Gewaltexzesse oder auch die Vergewaltigungsszene im zweiten Akt schienen fürs Unterhaltungsgenre eigentlich völlig ungeeignet.

In der furiosen Neuproduktion des Klassikers an der Bonner Oper lässt sich freilich ziemlich gut ablesen, warum das Stück dennoch zum Jahrhunderterfolg mit einer bis heute nicht nachlassenden magischer Anziehungskraft werden konnte. Es sind Feuer, Kraft und Leidenschaft – und die ganz großen Gefühle des Stücks, die sowohl Regisseur Erik Petersen als auch Dirigent Daniel Johannes Mayr von ihren Ensembles denn auch nachdrücklich einfordern. Der Prologue gibt schon mal den Ton an, wo die zwei rivalisierenden New Yorker Jugendgangs Jets und Sharks aufeinander treffen und die jazzigen Klänge aus dem Orchestergraben mit ihren schneidenden Akkorden und prügelnden Schlagzeugeinwürfen deren schonungslos brutale Kämpfe akustisch verstärken. Die Choreografin Sabine Arthold hat ihre großartigen Tänzer dabei auf ein Maximum an Realismus trainiert.

"Cool" im Waggon

In der Bonner "West Side Story" bewegen sich die Jugendgangs allerdings nicht durch die Häuserschluchten von New York, sondern eine Etage tiefer in einer Underground-Station (Ausstattung: Dirk Hofacker), der immer wieder zum Treffpunkt wird. Ein besonders schöner Effekt sind die U-Bahnen, die tatsächlich auf zwei Gleisen auf der Hinterbühne und auf der Vorderbühne immer mal wieder in die Station einfahren. Und wenn die Gangmitglieder dann zu den Klängen von "Cool" im Waggon tanzen, mit kraftvoller Eleganz ihre akrobatischen Übungen an den Haltestangen vollführen, ist das von traumhaft-surrealer Schönheit.

Die Station haben die Jets gut sichtbar in großen Graphitto-Lettern als ihr Revier markiert. Sie sind die Einheimischen, die puerto-ricanischen Sharks die Fremden: Eindringlinge, gegen die man das eigene Territorium bis auf Blut verteidigen will. Auch wenn sie der Hass der fremdenfeindlichen Gruppierungen in Amerika heute nicht mehr unbedingt auf die Puerto-Ricaner fokussiert, bleibt der Grundkonflikt immer derselbe. Petersen muss bis auf ein paar kosmetische Retuschen an Bühnenbild und Kostüme sowie eine zeitgemäße Angleichung der deutschen Dialoge eigentlich gar nicht viel machen, um ihn aus den 1950er Jahren in die Gegenwart zu übertragen. Das ist aber auch der traurige Aspekt an der Zeitlosigkeit des Stücks, das freilich auch an jedem anderen Brennpunkt der Welt erzählt werden könnte.

Aber die "West Side Story" ist auch ein Liebesgeschichte. Bernstein und seine Partner – der Ideengeber und Choreograph Jerome Robbins, der Songtexter Stephen Sondheim und der Librettisten Arthur Laurents – schufen sie nach dem Vorbild von Shakespeares "Romeo und Julia". Nur dass die Jets und die Sharks hier an die Stelle der verfeindeten Familien getreten sind, denen die Liebenden Tony und Maria angehören. Sie lernen sich auf einer Party der beiden Gangs kennen, wo sie miteinander tanzen. Und sofort erkennen, dass sie füreinander bestimmt sind. Das hat Bernstein auch musikalisch genial gelöst, indem er sie aus dem musikalischen Kontext der beiden Gruppen – dem nordamerikanischen Jazz der Jets und den südamerikanischen Rhythmen der Sharks – herauslöst und sie in einer eigenen, fast klassischen musikalischen Traumwelt leben lässt: Tonys "Maria" oder das gemeinsame "Tonight" der Balkonszene lassen alle gesellschaftlichen Konflikte vergessen.

Großartige Darsteller

Der erfahrene Musicaldarsteller Jan Rekeszus und die zum Bonner Opernensemble gehörende Sopranistin Marie Heeschen geben da ein wunderbares Paar ab. Heeschen bringt ihre Gesangslinien wunderbar zum Leuchten, ohne ihren eigenen Opernhintergrund (anders als Kiri Te Kanawa in Bernsteins Einspielung von 1984) zu sehr auszustellen. Und Rekeszus steht ihr da in nichts nach.

Insgesamt gibt es auf der Bühne 30 Solisten, jeder ein eigener Charakter. Da ist der wütende Anführer der Jets, Riff (Lucas Baier), der sich mit dem Anführer der Sharks, Bernardo (Andreas Wolfram) ein tödliches Duell liefert. Die kleine, burschikose Anybodys (Sybille Lambrich), die verzweifelt danach strebt, bei den Jets aufgenommen zu werden. Es gibt den Polizisten Officer Krupke (Stefan Viering), der tapfer versucht, so etwas wie Autorität auszustrahlen, und viele andere. Bemerkenswert aber ist vor allem Dorina Garuci als Bernados Geliebte und Marias Freundin Anita, die ein weibliches Selbstbewusstsein an den Tag legt und am Ende doch auch zum Opfer der Gewalt wird. Garuci verleiht ihrer Figur wirklich tragische Größe.

Was den Besuch des Musicals unbedingt lohnenswert macht, ist das Spiel des Beethoven Orchesters unter Mayrs Leitung. Dessen voller Sound kann süchtig machen. Standing Ovations.

Termine: 19., 29.9.; 3., 5., 9.10.; viele weitere Termine bis Juni 2020. Karten in allen Bonnticket-Vorverkaufsstellen.

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