Gemeinsames Projekt mit Don Bosco: Bonner Musiker arbeiten in Medellín mit ehemaligen Kindersoldaten

Gemeinsames Projekt mit Don Bosco : Bonner Musiker arbeiten in Medellín mit ehemaligen Kindersoldaten

Durch die Nacht zum Licht: Beethoven und urbane Straßenkultur passen perfekt zusammen, hat Dirigent Dirk Kaftan festgestellt. 2020 findet das Projekt in Bonn seinen Abschluss.

Etwa 20 Stunden brauchte es, um die Bonner Komfortzone zu verlassen. Gemeinsam mit 15 Musikern des Beethoven Orchesters (BOB) hatte sich Bonns Musikchef Dirk Kaftan auf den Weg nach Medellín in Kolumbien gemacht, eine Stadt, die viele Jahre ein Synonym für Gewalt und Drogen war, um dort ein sehr besonderes Projekt mit ehemaligen Kindersoldaten und Straßenkindern auf die Beine zu stellen. „Beethoven moves“ nennen sie es. „Wir sind mit dem Gefühl dort angekommen, gar nicht zu wissen, ob das funktioniert, was wir uns da ausgedacht hatten“, erzählt er.

Ideengeberin und Leiterin des Vorhabens ist Kulturmanagerin Rita Baus, die in Bonn vor allem als Erfinderin und Organisatorin der Reihe „Quatsch keine Oper“ bekannt ist. Ihr gelang es, Beethoven Orchester und die Bonner Don Bosco Mission zusammenzubringen, um über diese ungewöhnliche Allianz den Weg zu den Kindern und Jugendlichen in Kolumbien zu finden.

Allgegenwart von Tod und Gewalt

In der Millionenmetropole bietet die Don Bosco Mission den Jungen und Mädchen seit mehr als fünfzig Jahren eine Anlaufstation. Die, die dort hinkommen, sind durch die Allgegenwart von Tod und Gewalt oft schwer traumatisiert.

„Wir sind aber nicht als Lehrer und schon gar nicht als Missionare nach Medellín gefahren“, betont Kaftan in einem Gespräch wenige Tage nach der Rückkehr von dem einwöchigen Aufenthalt. „Am Ende war es sogar so, dass wir von den Jugendlichen etwas über Beethoven gelernt haben.“ Und Rita Baus ergänzt: „Es war wirklich eine Begegnung auf Augenhöhe.“ Dazu gehörte auch, dass sie sich eine Woche lang sehr nahe waren: Statt im Hotel mit Einzelzimmer zu übernachten, bezogen die Besucher aus Bonn Zwei- und Dreibettzimmern im Wohnheim der Don-Bosco-Einrichtung, lebten Tür an Tür mit den Jugendlichen.

Ziel der Bonner Musiker und der etwa 25-köpfigen Gruppe kolumbianischer Jugendlicher zwischen elf und 20 Jahren ist es, eine Crossover-Inszenierung auf die Beine zu stellen, die Ludwig van Beethovens fünfte Sinfonie und urbane Straßenkultur miteinander verbindet. Wiener Klassik trifft hier auf Medellíner Hip-Hop, auf Rap, Tanz und Graffiti. „Das war alles von den Pädagogen der Don Bosco Mission und von unseren Pädagogen sehr gut vorbereitet“, sagt Kaftan, der betont, dass „Beethoven moves“ für ihn vor allem ein künstlerisches Projekt sei. Parallel zu der Gruppe in Lateinamerika werden in Bonn gleichaltrige Jugendliche ebenfalls an diesem Projekt arbeiten. Im Sommer des Beethovenjahres 2020 treffen die Jugendlichen beider Nationen dann in Bonn zusammen, wo sie vier Wochen Zeit haben werden, um am 22. und 23. August im Telekom Forum Bonn unter Anleitung des Regisseurs Anselm Dalferth eine abendfüllende Performance auf der Basis der fünften Sinfonie zu präsentieren. Nicht überraschend, dass die Jubiläumsgesellschaft BTHVN 2020 das Projekt unterstützt.

Die Begegnung in Medellín begann erst einmal mit Annäherungen. Dabei stellten beide Seiten fest, dass gar kein Eis da war, das es erst zu brechen galt. „Wir haben mit Tanz, mit pantomimischen Bewegungen angefangen. Unsere Musiker haben sogar auf ihren Instrumenten die Namen ihrer Gegenüber improvisiert“, erzählt Kaftan. Berührungsängste habe es weder auf der einen noch auf der anderen Seite gegeben. Und Rita Baus berichtet. „Ich war mit zwei Leuten von Don Bosco schon vor zwei Monaten da. Ich war damals schon sehr überrascht, wie offen und neugierig diese Jugendlichen sind, die ja alle eine sehr schwere Geschichte mit sich herumtragen.“

"Der dreht die Welt um"

In den Tagen, die meist von 7 Uhr bis 23 Uhr dauerten, bildete Beethovens Musik das Epizentrum der künstlerischen Arbeit. Von den Klängen ausgehend, entwickelte man die Texte, Tänze und Bilder. Die fünfte Sinfonie stellte sich dabei als das ideale Medium heraus. Weil sie aufgreift, was die Jugendlichen erlebt haben, die Kämpfe ebenso wie den Weg durch die Nacht zum Licht. „Wir haben das stufenweise gemacht. Jeden Tag gab es einen Satz. Es war erstaunlich, wie emotional die Jugendlichen darauf reagiert haben. Auch, wie klug die gedeutet haben, was sie hörten. Nicht nur das Offensichtliche wie Konflikt und Gewalt im ersten Satz, sondern auch, wie das traditionelle Menuett bei Beethoven plötzlich erscheint. Der dreht ja die Welt um. Sie haben sehr schnell begriffen, dass das eine Revolution ist, dass es etwas mit Protest zu tun hat. Die Situation war nicht so tränenrührig, dass jeder seine eigene Geschichte erzählt hat. Das war ja auch gar nicht die Aufgabe. Aber es war einfach unglaublich, wie die Beethoven entschlüsselt haben.“ Natürlich sei es im Beethoven-Kontext auch um Ideelles gegangen: „Wofür steht Ihr ein, wofür steht Ihr auf?“ Das war dann immer sehr strukturiert abgearbeitet. Über den ersten Satz wurde gerappt, mit starken, oft sehr poetischen Texten. Dann gab es Stop-and-Motion-Filme und dazu wurde gemalt. Sie arbeiteten mit einem der angesagtesten Sprayer der Stadt zusammen und entwickelten mit einer geschulten Pädagogin Tänze zur Musik.

Die Jugendlichen haben bei Beethoven mitten im Satz applaudiert

„Was mich auch bewegt hat“, erzählt Rita Baus, „war, dass die Jugendlichen, als die Musiker den ersten Satz spielten, spontan mittendrin applaudiert haben. Da habe ich gedacht, dass Beethoven ja ganz schön heutig und modern ist. Er thematisiert Dinge, die diese Jugendlichen sofort begreifen. Sie hatten nie das Gefühl, dass mit der Klassik und ihrer Kultur zwei völlig fremde Welten aufeinander treffen.“

Bis zum Besuch in Beethovens Geburtsstadt werden noch viele Monate ins Land ziehen. So lange müssen die Don-Bosco-Pädagogen vor Ort mit den Jugendlichen weiter an diesem außergewöhnlichen Projekt arbeiten.

Infos im Internet: strassenkinder.de